The Last Shadow Puppets – „Everything You’ve Come To Expect“


Künstler The Last Shadow Puppets

Everything You've Come To Expect Albumkritik Rezension

In Malibu sind The Last Shadow Puppets diesmal ans Werk gegangen.

Album Everything You’ve Come To Expect
Label Domino
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Heilige Scheiße. Jetzt hat Josh Homme also nicht nur die Arctic Monkeys ruiniert, sondern auch noch die Last Shadow Puppets. Das musste man jedenfalls glauben, als im Januar die Vorab-Single Bad Habits erschien. Der Song setzte nicht auf Eleganz und Eloquenz, die man beim gemeinsamen Projekt von Alex Turner und Miles Kane so liebt, sondern auf Aggressivität und Drama. Es wurde sogar, Gott bewahre!, geschrien. Das erinnerte eher an einen der gebremsten Momente der Hives (meinetwegen Diabolic Scheme) als an die Lieder, die man auf dem Debüt der Last Shadow Puppets so geliebt hatte.

Heute nun erscheint mit Everything You’ve Come To Expect der Nachfolger, und das ist noch in einer anderen Hinsicht ein heikler Moment. Als The Age Of The Understatement vor acht Jahren wie aus dem Nichts auftauchte, haute die Platte problemlos alle von den Socken. So ein Album hätte man niemals erwartet vom Frontmann der Arctic Monkeys und dem (damals noch) Zweitliga-Möchtegern-Rockstar Miles Kane. Mehr noch: So ein Album, voller mondäner Momente, Easy-Listening-Referenzen und Sixties-Seligkeit hätte man anno 2008 überhaupt nicht für möglich gehalten, von niemandem. Und, das muss auch den beiden Schöpfern von The Age Of The Understatement klar sein: Die Last Shadow Puppets wären wohl ein deutlich cooleres Projekt gewesen, wenn sie es bei dieser einen, legendären Platte belassen hätten.

Auch die acht Jahre, die zwischen dem Debüt und dem Zweitwerk vergangen sind, könnten eine gefährlich lange Spanne sein, in jedem Fall ist das genug Zeit, in der die besondere Chemie des Duos womöglich hätte verloren gehen können. „Als mich jemand darauf aufmerksam machte, dachte ich: ‚Scheiße, wir sind jetzt Männer!‘ Wir haben die Pubertät hinter uns“, sagt Miles Kane über die lange Pause. Auch Alex Turner hat zumindest eine gute Ausrede: „Ich wünschte, ich hätte eine romantischere Antwort, aber die Gelegenheit für ein zweites Album hat sich einfach nicht eher ergeben“, erklärt er. „The Age Of The Understatement übertraf sämtliche Erwartungen, aber es wurde ein wenig ausgebremst, weil wir nie davon ausgegangen waren, mit dem Album zu touren. Und dann mussten wir auch schon zu unseren anderen Bands zurück.“

Aus seinem Statement sprechen klare Prioritäten, aber es lässt sich darin auch eine Sehnsucht erkennen: Wenn es nach Kane & Turner allein gegangen wäre, hätte es Everything You’ve Come To Expect sicher schon viel eher gegeben. Sie haben nach wie vor Lust auf die Last Shadow Puppets, sie genießen das Besondere ihrer Zusammenarbeit, und das hört man dem neuen Album an. Diese Musik ist wie eine Zeitreise, wie das Eintauchen in eine ganz eigene Welt. Beispielsweise bei Lana Del Rey kann man als Hörer so etwas ebenfalls erleben, aber bei den Last Shadow Puppets kommt zusätzlich die Freude am Miteinander der beiden Musiker dazu, die hier von Zach Dawes am Bass und Produzent James Ford am Schlagzeug begleitet werden, und die Spannung, diese Lieder mit ihrem Schaffen außerhalb der Last Shadow Puppets abzugleichen.

Die gute Nachricht lautet: Everything You’ve Come To Expect ruiniert nicht die Magie der Last Shadow Puppets, sondern hält sogar das Niveau des Debütalbums. Der Titelsong könnte ein Beach Boys-Eifersuchtsdrama sein, in Sweet Dreams, TN haben sie Spaß am Bolero und am Schlüpfrigen. Used To Be My Girl verbreitet ein bisschen Wüstenpsychedelik und zeigt vor allem die Lust darauf, neue Klangwelten zu entdecken. Dracula Teeth macht deutlich, dass Alex Turner nicht nur Elvis und Josh Homme sein möchte, sondern auch Serge Gainsbourg. „Isn’t it boring when I talk about my dreams?“, will er dann im großartigen Album-Schlusspunkt The Dream Synopsis wissen, und die Antwort lautet eindeutig: nein, keine Sorge.

Die himmlischen Streicher von Owen Pallett („Es gab viel mehr Platz für meine orchestrale Arbeit“, sagt er über den Vergleich zum ersten Album) haben wieder sehr großen Anteil am Gelingen dieser Platte, die in Rick Rubins Shangri-La Studios in Los Angeles aufgenommen wurde. Aber auch die Tatsache, dass die Last Shadow Puppets, siehe Bad Habits, nun manchmal auch die Ärmel hochkrempeln, trägt dazu bei. Schon der Opener Aviation hat erstaunlichen Schwung und dazu eine pittoreske Gitarrenfigur, die sich fast durch den gesamten Song zieht. In Miracle Aligner schimmert, bei allem Barock, etwas von der Maskulinität durch, die in den vergangenen Jahren auch die Arctic Monkeys entwickelt haben. In der Gitarre und im Schlagzeug des zackigen The Element Of Surprise steckt richtig Kraft, und das ist ein Element, das es bisher bei den Last Shadow Puppets noch gar nicht gab. In She Does The Woods ist auch Platz für Dissonantes, und damit zeigt der Track: Gerade, wenn sie experimentieren, erkennt man, wie schnell ihr Sound eine Marke geworden ist, denn es bleibt stets unverkennbar Last Shadow Puppets.

Das vielleicht schönste Lied von vielen schönen Liedern ist Pattern, ein Klassiker, der beweist: Die Last Shadow Puppets wollen nicht irgendeine Vergangenheit zum Leben erwecken, sondern dem Ewigen in der Popmusik nachspüren. Der Track beweist wie viele andere Momente auf Everything You’ve Come To Expect, wie schön, gefühlvoll, musikalisch und intelligent Popmusik sein kann, und gerade vor dem Hintergrund dessen, was derzeit oft die Charts dominiert, ist das wunderbar wohltuend.

Die Last Shadow Puppets spielen Aviation live fürs französische Fernsehen.

Website der Last Shadow Puppets.

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