Hingehört: The Membranes – „Dark Matter/Dark Energy“


Künstler The Membranes

Cover des Albums "Dark Matter/Dark Energy" von The Membranes bei Cherry Red Records

Den Gesetzen des Universums spüren The Membranes nach.

Album Dark Matter/Dark Energy
Label Cherry Red Records
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Als eine “Mischung aus Populismus, Hybris und Witzlosigkeit” hat Magnus Klaue gerade im Wissenschaftsmagazin Forschung und Lehre die immer beliebter werdenden Science Slams gegeißelt. Es wäre interessant, was er von dem Format der Wissenschaftskommunikation hält, das John Robb mit seinen reaktivierten Post-Punk-Pionieren The Membranes gerade praktiziert: The Universe Explained hat er eine Veranstaltungsreihe genannt, bei der er zunächst Astrophysiker befragt, die ihr Fachgebiet erklären, und dann mit seiner Band ein Konzert spielt.

Ausgangspunkt für diese Idee war eine Begegnung von John Robb mit Joe Incandela, dem Mann, dessen Arbeitsgruppe am CERN der Nachweis des Higgs-Bosons gelang. Ihr Gespräch landete bei den ganz großen Fragen und John Robb war so fasziniert, dass diese Themen nun auch Dark Matter/Dark Energy prägen, die erste neue Platte der Membranes seit 1989.

Verwunderlich ist das nur auf den ersten Blick. Denn was den Teilchenphysiker und den Musiker verbindet, zeigt auch dieses Doppelalbum schnell: Forschungsdrang. The Membranes, 1977 gegründet, haben unverkennbar noch immer große Lust herauszufinden, was man aus dieser Gitarrenmusiksache alles herausholen kann. Sie wollen Grenzen überschreiten. Und sie haben offensichtlich beschlossen, dabei jede Idee mindestens einmal auszuprobieren. Das Ergebnis ist ein äußert abgefahrenes Taumeln auf dem schmalen Grat zwischen faszinierend und anstrengend.

The Universe Explodes Into A Billion Photons Of Pure White Light heißt der erste Track. Es geht zwar um den Urknall, also den Anfang von allem. Aber es klingt nach dem Gegenteil: wie das Ende der Welt. Der Song beginnt sehr wuchtig und ein bisschen theatralisch; eine gute Minute lang könnte das AC/DC sein. Aber dann setzt zunächst ein Chor ein und dann diese Stimme wie von einem Untoten, der vielleicht davon erzählt, wie schlecht die Zigaretten sind, die man an den Automaten im Fegefeuer bekommt.

Do The Supernova und Hail To The Lovers setzen um deutlichsten auf die Grundelemente von verzerrtem Bass, fiesem Gesang und militantem Beat – das ist nicht nur vom Geiste her Punkrock. 21st Century Man hat, genauso wie beispielsweise If You Enter The Arena, You Got To Deal With The Lions, enormen Spaß daran, eklig, schmerzhaft, gonzo und rotzig zu sein. Dark Energy macht noch einmal deutlich, wie nahe The Membranes schon immer am Krautrock waren und erklärt auch, warum Musiker von My Bloody Valentine über Mogwai bis hin zu den Charlatans diese Platte gepriesen haben. Justin Hayward Young von den Vaccines stimmte ebenfalls in den Chor der prominenten Fans ein: „They are the embodiment of everything music should be – egalitarian, energetic and fucking exciting.“

Manchmal wird es quasi-akustisch wie im psychedelischen Magic Eye (To See The Sky), manchmal wird auf einen Beat verzichtet wie in 5776 (The Breathing Song). In der Multiverse Suite darf Joe Incandela über Supersymmetrie und Dunkle Materie dozieren, begleitet von improvisierten Orchesterklängen. Und Money Is Dust lässt erahnen, was wohl dabei herausgekommen wäre,  wenn William Burroughs Musik gemacht hätte. Im Entzug. Mit kaputten Instrumenten.

Am besten ist Dark Matter/Dark Energy, wenn The Membranes sich mit Warp-Antrieb ins Abenteuer stürzen. Space Junk ist so ein Fall: Es gibt einen markerschütternden Bass, eine Kuhglocke, eine Orgel und Gitarren, denen bei lebendigem Leibe die Organe entnommen zu werden scheinen. The Hum Of The Universe kriegt tatsächlich ein bisschen von der Majestät hin, die ein Lied mit diesem Titel und diesem Thema haben muss. Der Höhepunkt der Platte ist In The Graveyard, in dem es um John Robbs Vater geht, der während der Aufnahmen zu diesem Album gestorben ist. Wenn man bis dahin noch keine Angst vorm Tod hatte, dann hat man sie nach diesem Lied auf jeden Fall.

Manchester erlebt The Hum Of The Universe.

Homepage der Membranes.

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