Hingehört: The Ramona Flowers – „Part Time Spies“


Künstler The Ramona Flowers

Part Time Spies The Ramona Flowers Kritik Rezension

Fröhlicher als das Debüt der Ramona Flowers sollte „Part Time Spies“ werden.

Album Part Time Spies
Label Distiller Records
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Es ist nicht allzu gut gelaufen für The Ramona Flowers mit ihrem 2014 erschienenen Debütalbum Dismantle And Rebuild. Trotz Tourneen unter anderem mit Bombay Bicycle Club und Bastille und trotz etlicher Vorschusslorbeeren etwa vom Guardian wollte es mit dem großen Erfolg nicht klappen. Sänger Steve Bird kann sich mittlerweile seine Wohnung in London nicht mehr leisten und zog zum Rest der Band nach Bristol (das Problem der Gentrifizierung und horrender Immobilienpreise thematisiert er prompt in der neuen Single Dirty World). Auch mit der Musik des Debüts ist die Band nicht mehr rundum zufrieden. „As much as we love the first album, we were still forming and some songs didn’t transfer to the live shows as well. We wanted something more upbeat“, umreißt Bird den Lerneffekt.

Ein wenig fröhlicher und zupackender geht es tatsächlich zu auf dem heute erscheinenden Part Time Spies. Das Problem der Ramona Flowers, das schon ihr erstes Album gekennzeichnet hatte, bleibt allerdings bestehen: Ihre Songs legen viel Augenmerk auf Ästhetik, aber wenig auf Dynamik und Spannung. Das Album will blenden statt berühren und wirkt deshalb anbiedernd.

Ein Problem der Ende 2015 aufgenommenen Platte ist die Fixierung auf die Eighties, die bei diesem Quintett im Vergleich zu Dismantle And Rebuild eher noch ausgeprägter geworden ist. Oft klingt Part Time Spies, als habe der Chef ihrer Plattenfirma zu Co-Produzent Chris Zane (Friendly Fires, Passion Pit) gesagt: „Nimm zwei beliebige Platten aus den Achtzigern, zwei besonders erfolgreiche Platten aus dem Eighties-Revival und mach was draus! Aber es darf nicht zu teuer werden!“ Gitarrist Sam James gibt bereitwillig zu, dass es „certain sounds I grew up with in the 80s“ sind, die ihn heute noch umhauen. Der Begleittext zum Album erwähnt Peter Gabriel, Top Gun und Giorgio Moroder, und dieser Mix ist äthetisch ungefähr so überzeugend wie das katastrophal hässliche Albumcover.

Das zweite Problem bei Bird, James sowie ihren Mitstreitern Wayne Jones (Bass), Dave Betts (Keyboard) und Ed Gallimore (Schlagzeug) ist auch schnell erkannt: Es ist der Sänger. Das ist einerseits auf die Stimme bezogen – etwa in einem Lied wie My Weirdo (Steve Bird hat es seiner Freundin gewidmet: „I sung the chorus and weirdo came out, so I must have been thinking about her.“) will man will lieber nicht wissen, wie diese dünne Kopfstimme ohne Effekte klingen würde. Dass Midnight Express, ein in der Mitte des Albums platziertes Instrumentalstück, zu den besten Momenten der Platte gehört, ist auch bezeichnend. Bird ist anderseits ein lebender Beweis dafür, was die wichtigste Eigenschaft eines Popstars (das gilt auch für Möchtegern-Popstars) ist: nicht die Stimme, das Talent oder das Aussehen. Sondern: die Eigenliebe. Offensichtlich ist hier einer am Werk, der davon überzeugt ist, der Welt etwas auf den Weg mitgeben zu können, und zwar als Frontmann. „Before I joined this band, I was really lost and just got depressed“, sagt er tatsächlich.

Leider korreliert dieses Sendungsbewusstsein auf Part Time Spies in keiner Weise mit besonderem Talent. Die Musik der Ramona Flowers ist im besten Falle durchschnittlich wie bei Skies Turn Gold. Die eigene Zielsetzung der Band war es, „a classic four-on-the-floor dance track, with all the clichés chucked in“, zu schreiben. Das Ergebnis ist okaye Gebrauchsmusik. Vor allem die blasierten Texte sorgen aber dafür, dass sich „Durchschnitt“ hier nie nach „solide“ anhört, sondern nach Enttäuschung und Anmaßung. Bei einem Lied wie Cold Of The Night ist es kaum zu glauben, dass jemand, der sich offensichtlich so besonders, missverstanden und exzentrisch fühlt wie Bird, so gewöhnlich und langweilig klingen kann. In Hurricane sollen aufgeblasene Metaphern (ein Wirbelsturm im Kopf, Fußspuren auf der Seele, Dämonen in der kalten Nacht) wohl den eklatanten Mangel an Tiefgang beseitigen. Run Like Lola (jawohl, der Song ist von Lola rennt inspiriert) ist ebenfalls vollkommen misslungen.

Die Pose des Rührmichnichtan passt zwar zur dünnen Stimme des Sängers, nervt aber schnell. „Oh Gott, wir können uns nicht mehr leiden, dabei haben wir uns doch mal so gerne gehabt!“, lautet seine weltbewegende Erkenntnis in Start To Rust, das an Hurts denken lässt. „Ich bin ja so sensibel!“, schreibt er ganz fett über die Klavierballade Sharks. Das Lied behandelt den Tod seines Vaters, der an einem Hirntumor starb, als Bird noch ein kleiner Junge war, und hat sogar Potenzial. Aber gerade, als sich so etwas wie eine reizvolle Stimmung zu entwickeln scheint, macht Bird mit der penetrant wiederholten Textzeile „I can see the sharks circeling“, auf die er offensichtlich mächtig stolz ist, alles zunichte.

Lustigerweise machen sich die Ramona Flowers in Designer Life über Substanzlosigkeit und übertriebene Oberflächlichkeit lustig, vor allem die Lust auf Selfies ist ihnen ein Dorn im Auge. „It’s people presenting themselves how they want everyone else to see them. I don’t know when we became so vain“, wundert sich Bird. Mit Part Time Spies gibt es gleich noch einen Anti-Social-Media-Song, der diesmal zugleich pompös und experimentell klingt. „Part Time Spies is like everyone’s second job, we’re constantly being watched. You get people who meer you on a one-off occasion and they don’t know you and they can write what they want about you online“, so Bird.

Trotz aller Versuche, aktuell, sogar gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen, klebt an der Musik der Ramona Flowers der fiese Geruch von Plastik und des verwesenden Korpus von Duran Duran.

Schön blasiert ist auch das Video zu Dirty World, auch wenn es nicht in London spielt.

Website der Ramona Flowers.

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