Hingehört: The Rolling Stones – „Hampton Coliseum – Live In 1981“


Künstler The Rolling Stones

Mit einem aktuellen Hit im Gepäck spielten die Stones ihre 1983er-Welttournee.

Mit einem aktuellen Hit im Gepäck spielten die Stones ihre 1983er-Welttournee.

Album Hampton Coliseum – Live In 1981
Label Promotone BV
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Als Mick Jagger am 18. Dezember 1981 auf die Bühne des Coliseum in Hampton, Virginia kommt, lauten seine ersten Worte: „Oh yeah!“ Er hat allen Grund, gut gelaunt zu sein: Es ist das vorletzte Konzert einer sehr erfolgreichen Tour (die tags darauf mit einer weiteren Show in Hampton abgeschlossen wird) zum ebenfalls umjubelten Album Tattoo You. Mit Start Me Up haben die Rolling Stones im 20. Jahr ihres Bestehens wieder einmal einen aktuellen Welthit. Und sie sind noch immer so begehrt, dass eine Liveübertragung der Show als Pay-Per-View-Angebot im amerikanischen Fernsehen und in ausgewählten Kinos erhältlich ist – als erstes Konzert der Musikgeschichte.

Die „Oh Yeah“-Euphorie des Sängers scheint sich nicht nur auf die Wahl seiner Garderobe übertragen zu haben (er betritt die Bühne in einem purpurnen Anzug mit mächtigen Schulterpolstern, später ist er in einem Muskelshirt zu sehen, dass er gerne auch bauchfrei trägt, schließlich kommt er im Dress eines Football-Spielers zurück und trägt dann einen Union Jack und die Stars And Stripes als Oberbekleidung). Jagger zeigt auch so viel Energie und Bewegungsdrang, dass man sich fragt, wie er es in den ersten Jahren der Stones-Karriere jemals auf kleinen Bühnen ausgehalten hat. Er ist Ballerina, Schauspieler, Chippendale und Dompteur – und er liebt es.

Jagger legt ein Verhalten an den Tag, für das er – zumal in den Südstaaten – 25 Jahre zuvor noch verhaftet oder zumindest in psychiatrische Behandlung eingewiesen worden wäre. Dass er jetzt dafür umjubelt wird, ist auch sein Verdienst und das der Rolling Stones.

Die anderen Bandmitglieder haben ganz sichtlich ebenfalls Gefallen an diesem Status als Legenden, die sich nicht auf ihre Vergangenheit beschränken müssen, sondern auch in der Gegenwart etwas zu bieten haben. Keith Richards und Ronny Wood kommen mit einer Kippe im Mund auf die Bühne, Bill Wyman trägt etwas, das aus heutiger Sicht wie ein Jogginganzug aussieht – und damals wohl auch schon. Der Bassist sieht meist verschüchtert aus, als hätte er Angst vor den anderen Gestalten um ihn herum – und die benehmen sich auch so, als hätte er allen Grund dazu. Und Charlie Watts ist, was ihn wohl nicht einmal stört, fast nie im Bild.

Neben der fragwürdigen Wahl der Outfits fällt noch ein Unterschied zu jüngeren Konzertmitschnitten der Rolling Stones auf: Heute zeigt man die Fans, bevorzugt die jungen Damen in der ersten Reihe, gerne auch während der Songs. Bei Hampton Coliseum – Live in 1981 sind sie nur im Bild, wenn sie zwischen zwei Liedern jubeln, wenn Mick Jagger sich über große Rampen zu ihnen begibt oder wenn sie ein paar Passagen selbst singen dürfen. Ansonsen steht die Band auf der knallbunten Bühne im Mittelpunkt, und es gibt wenig, was von der Musik ablenkt.

Noch etwas fällt in diesem Kontext auf: Wenn man die Fans einmal sieht, dann sehen sie aus wie Menschen aus dem Jahr 1981: Stirnbänder, dicke Strickpullis, Schnauzbärte. Diese Normalität ist – auch das gilt heute nicht mehr bei einem Stones-Konzert – ein kaum zu fassender Kontrast zu den Typen auf der Bühne, die im Vergleich dazu fast wie Außerirdische wirken müssen.

In den besten Momenten von Hampton Coliseum – Live in 1981 ist auch die Musik wie nicht von dieser Welt. You Can’t Always Get What You Want ist ein Höhepunkt, immer kurz vor dem Auseinanderfallen, trotzdem enorm kraftvoll und souverän. Brown Sugar explodiert fast vor lauter Energie. Aufhorchen lassen auch drei Coverversionen, die das erste Drittel der Show beschließen: Mit Just My Imagination (Temptations), Twenty Flight Rock (Eddie Cochran) und Going To A Go Go (Miracles) zeigen die Stones, nicht nur, in welcher Ahnenreihe sie sich sehen. Sie demonstrieren auch: Wir spielen längst in derselben Liga wie unsere einstigen Helden.

Satte 27 Lieder liefern die Rolling Stones, ganz zum Schluss gibt es Satisfaction – in mehr als einer Hinsicht ein Höhepunkt: Als während des Lieds ein Fan auf die Bühne klettert, verwandelt Keith Richards, der an diesem Tag seinen 38. Geburtstag feiert, seine Gitarre kurzerhand in einen Baseballschläger und hält den Störenfried in Schach, bis ihn die Security wegbringt.

Diese Anekdote verstärkt einen weiteren sehr erstaunlichen Effekt dieses Konzertmitschnitts, der als Album-Download bei iTunes und dazu als erster Teil der DVD-Serie From The Vault erschienen ist. Es gibt kaum Bühnentricks und keine Videoleinwände, trotzdem ist der Abend ein riesiger Spaß, ein echtes Spektakel. Alles ist Show in diesem Konzert, vieles ist Kalkül. Aber man staunt, wie wenig es den Anschein von Routine und Berechenbarkeit erweckt – sowohl musikalisch als auch mit Blick auf die Performance.

Die Rolling Stones spielen Shattered live in Hampton.

Homepage der Rolling Stones.

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