Hingehört: The Velvet Underground – „The Velvet Underground & Nico“


Das Cover ist eine Ikone. Die Lieder auch.

Das Cover ist eine Ikone. Die Lieder auch.

Künstler The Velvet Underground
Album The Velvet Underground & Nico
Label Verve
Erscheinungsjahr 1967
Bewertung

Als die Strokes im Mai 2004 für eine Story des NME auf Lou Reed trafen, war einer der ersten Sätze von Julian Casablancas: “We wouldn’t be here without you.” Natürlich stimmt das, und natürlich bestätigt es die legendäre Aussage, die Brian Eno schon zwanzig Jahre früher in die Welt gesetzt hatte: „Nur 30.000 Leute haben jemals ein Album von Velvet Underground gekauft. Aber jeder Einzelne von ihnen hat eine Band gegründet.“

Diese Platte ist die Inspiration für Tausende Außenseiter, nach der Meinung einiger nicht ganz unbedeutender Experten sogar der Anfang von gitarrengetriebenem Indie-Denken überhaupt. M. C. Strong schreibt beispielsweise in seiner Great Indie Discography, in der er zudem zehn von zehn Punkten für diese Platte vergibt: „Basically, alternative music begins and ends with Velvet Underground.”

Dass The Velvet Underground & Nico ein grandioser Flop wurde, hat den Mythos dieses Albums nur noch verstärkt. Die 1965 in New York gegründete Band spielte in ihren Anfangstagen teilweise vor nur fünf Zuschauern, als ein Jahr später das Debütalbum im Kasten war, lehnten etliche Labels diese Musik ab, trotz der Popularität von Andy Warhol, der nicht nur das berühmte Bananen-Plattencover gestaltet hatte, sondern auch als Produzent geführt wurde („All that meant was that he believed in us and he would prevent the engineers from messing with it“, hat Lou Reed den ungewöhnlichen Beitrag von Warhol in dieser Rolle einmal umschrieben). Es dauerte bis 1967, bis die Platte schließlich herauskam – und das Verkaufsergebnis (Platz 171 in den Billboard-Charts) bestätigte alle, die darin nicht das nächste große Ding erkannt hatten. In den Liner Notes zu der Deluxe Edition aus dem Jahr 2012, auf die ich mich hier beziehe, zählt Richie Unterberger genüsslich die Widrigkeiten auf, die einen großen Wurf dieser Band höchst unwahrscheinlich machten, und er kommt auf 14 ziemlich beträchtliche Stolpersteine.

In einer Welt, in der ringsum Love, Peace und Flower Power regierten, mussten Loud Reed, John Cale, Moe Tucker und Sterlin Morrison wie Außerirdische wirken. The Velvet Underground waren „der Ostküsten-Gegenpol zur Westcoast-Freakshow und die Antithese zum grassierenden Hippietum schlechthin“, hat der Rolling Stone diese Konfrontation auf den Punkt gebracht. Sie spielten mit dem Rücken zum Publikum, versteckt hinter Sonnenbrillen, gekleidet in schwarzes Leder. Sie wollten nichts wissen von Harmonie, Kommunen, Marihuana und freier Liebe, sondern verkörperten Hoffnungslosigkeit, Nihilismus, Heroin und Sadomaso.

Und da haben wir noch gar nicht von der Musik gesprochen. Rock’N’Roll hatte bis dahin noch nie so abgrundtief und finster geklungen, und das hat diese neun Lieder zu eben solchen Ikonen gemacht wie das Plattencover. ”They emerged to patent the evergreen archetype of skinny-cool, black-clad, nocturnal New York proto-punk minimalism. (…) It is difficult nowadays to fully grasp what a completely out of control, drug-addled, artistically revolutionary mindfuck of a band they were”, hat der NME diesen Schockeffekt umschrieben.

Die Deluxe-Edition von The Velvet Underground & Nico vermittelt zumindest eine Ahnung davon. Die Doppel-CD enthält neben dem Originalalbum noch 20 weitere Tracks, beispielsweise unveröffentlichte Alternativ-Versionen, Proben-Mitschnitte aus Andy Warhols “Factory“ und die Songs der lang verschollenen Azetat-Pressung vom 25. April 1966. Für die damaligen Zeitgenossen dürfte eine solche Würdigung der Platte zum 45. Jubiläum ebenso unerwartet gewesen sein wie die Tatsache, dass der Rolling Stone das Werk später auf Platz 4 der 500 besten Alben aller Zeiten wählen sollte, begleitet vom Satz: „Dieses Album wurde peu à peu ein Monolith in der Geschichte der Rockmusik.“

Passend zu diesem fast unbemerkten Aufstieg ist die Dramaturgie von The Velvet Underground & Nico. Am Anfang steht Sunday Morning, damals übrigens als Single ausgekoppelt. Der Song klingt nicht nach eiskalter Großstadt und Dekonstruktion, sondern eher nach Gänseblümchen und Unschuld. Das getragene Tempo trägt dazu ebenso bei wie das Glockenspiel. Man kann hier heraushören, dass Lou Reed vor seiner Zeit als Sänger und Songschreiber bei Velvet Underground als Auftragskomponist für eine Billig-Plattenfirma tätig war und sich darin versuchte, die jeweils aktuellen Trends für Wegwerf-Liedchen zu imitieren. Denn die Schönheit, die in Sunday Morning steckt, hat nicht allzu viele Widerhaken. „Watch out, the world’s behind you / There’s always someone around you / Who will call / It’s nothing at all“, singt Lou Reed zwar, aber der darin angedeutete Abschied von der Welt könnte noch überall hin führen, auch in Richtung der damals angesagten Turtles oder Buffalo Springfield.

Doch spätestens mit dem zweiten Song sind die Weichen gestellt. I’m Waiting For The Man handelt von einem jungen Mann, der in Harlem für 26 Dollar Heroin kauft. „Alles an dem Song entspricht der Wahrheit. Außer dem Preis“, hat Lou Reed später einmal beteuert, und der Sound passt perfekt zur Unerbittlichkeit dieses Geschäfts, zur freiwilligen Erniedrigung des Käufers, zur nonchalanten Amoral des Verkäufers. Die Gnadenlosigkeit der Sucht steckt im Schlagzeug, die Ungeduld des Junkies im Bass, der vergebliche Versuch, bei all dieser würdelosen Abhängigkeit noch cool zu sein, steckt im Gesang.

Nico hat danach in Femme Fatale ihren ersten Auftritt, der Track bekommt beinahe Lounge-Affäre, zwischen der gebieterischen Stimme von Nico und dem geradezu lächerlich dünnen Background-Chor entwickelt sich ein toller Kontrast, in dem beträchtliche sexuelle Spannung steckt. Noch mehr dominiert sie im folgenden Venus In Furs. Trommel und Streicher klingen, als kämen sie direkt aus dem Dreißigjährigen Krieg, und ihre Stimme klingt wie die einer Marketenderin, die in diesen 30 Jahren alles Leid und alle Abartigkeit der Welt gesehen hat. „I am tired, I am weary / I could sleep for a thousand years“, ist der Wortlaut dieses majestätischen Ächzens – sie ist wirklich am Ende, aber auch eine Überlebende.

Run Run Run mit einem Drive, der nicht allzu weit weg ist von CCR oder The Moody Blues, ist genau die Sorte von Lied, die den NME über Velvet Underground hat schwärmen lassen: “With just two chords and a single driving beat, they would create entire galaxies of glowering, blistered beauty.” Die Perspektive ist aber auch hier dystopisch, selbst das etwa von Chuck Berry geprägte Heilsversprechen, ein Auto sei immer auch eine Möglichkeit zur Flucht, hat hier keine Gültigkeit mehr.

All Tomorrow’s Parties bezieht seine Würde aus der Langsamkeit, die Verwunschenheit des Sounds lässt durchaus Parallelen zu den Doors erkennen, nur dass die Geister hier nicht bloß Inspiration sind, sondern direkt an den Instrumenten zu stehen scheinen. Schließlich erklingt Heroin, der auch im Rückblick skandalöseste Song auf The Velvet Underground & Nico. „Näher kommt kein Abstinenzler an den poetischen Moment des Abdrückens“, hat der Rolling Stone über dieses Lied voller Apathie und Aggressivität, Rausch und Reue geschrieben. Lou Reed betont allerdings, dass ihm keineswegs an einer Verherrlichung des Brown Sugar lag: „Es ging nicht um pro oder contra. Nur darum, wie man auf H drauf ist, erzählt aus der Sicht eines Abhängigen.“

Das kompakte There She Goes Again ist von allen Liedern auf dieser Platte dasjenige, das vielleicht am besten in die Sixties passt, wohingegen der Rest in seinem eigenen Universum, seiner eigenen Zeit stattfindet. I’ll Be Your Mirror hat die Sorte Schönheit, die nicht strahlend ist, sondern rätselhaft, wie bei der Mona Lisa. Danach ist The Black Angel’s Death Song so etwas wie ein Talking Blues, nicht unendlich weit entfernt von Bob Dylan’s psychedelischsten Momenten, und mit dem vielleicht verstörendsten Einsatz von John Cales elektrisch verstärkter Viola. Es ist eines der Lieder, die diverse Label-Manager wohl im Kopf hatten, als sie die Band abblitzen ließen mit dem Hinweis, man müsse von Sinnen sein, um sich diese Klänge freiwillig anzuhören.

Die Radikalität von Velvet Underground zeigt sich aber noch viel mehr im Schlusspunkt: European Son (der einzige Track, bei dem alle vier Bandmitglieder als Autoren aufgeführt werden) ist chaotisch, verbittert, hoffnungslos. Der Song zeigt: Rock ist, je nach Definition, zwar gerade erst 15 Jahre alt, aber schon vollkommen kaputt. Und er beweist, dass es The Velvet Underground nicht nur auf die Ohren abgesehen hatten, sondern auch auf die Augen, die Genitalien, den Magen, das Hirn. Nie zuvor wurden Musik, Kunst, Mode, Drogen und Literatur so virtuos zusammengeführt, als Ganzes erkannt. Und nie zuvor hatten die Künstler, die diese Melange erschaffen hatten, so große Lust, dieses neue Ganze sofort zu bespucken, zu quälen, in Brand zu stecken. The Velvet Underground & Nico wird so, da kann man dem Rolling Stone nur zustimmen, zum „Symbol für den Fluss des Rock’N’Roll in die Avantgarde und umgekehrt“ und zugleich „eines der größten, schönsten Kunstwerke des menschlichen Grauens“.

Das Bonusmaterial auf dieser 45th Anniversary Deluxe Edition entlarvt den Mythos dieser Band nicht, aber erhellt ihn. Die Outtakes zeigen, dass bei Velvet Underground nicht nur genialische Momente und spontane Inspiration wirken, sondern dass in dieser Platte auch Arbeit, Herumprobieren und das Ringen um Optimierung stecken. Das Ergebnis bleibt unverändert beeindruckend, vor allem wegen seiner Botschaft: Wir haben die Schnauze voll. Wir haben unsere eigenen Vorstellungen von der Welt. Und wir haben Gitarren.

Sogar mit Applaus! Femme Fatale in einer TV-Show.

Eine Fanpage rund um Velvet Underground.

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