Hingehört: Tiny Fingers – „Megafauna“


Künstler Tiny Fingers

42 Minuten in einem Take - "Megafauna" ist ein erstaunlicher Kraftakt.

42 Minuten in einem Take – „Megafauna“ ist ein erstaunlicher Kraftakt.

Album Megafauna
Label Anova Music
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Die Idee, ein Album aus einem Guss zu machen, bei dem die einzelnen Stücke fließend ineinander übergehen, ist ja schon mindestens so alt wie Sgt. Pepper. Tiny Fingers treiben den Gedanken auf die Spitze: Das 2008 gegründete Quartett aus Tel Aviv hat mit Megafauna eine Platte vorgelegt, bei der die neun einzelnen Songs nicht nur miteinander verschmelzen. Das Werk wurde auch an einem Stück aufgenommen, in einem einzigen Take. Oren Ben David (Gitarre), Tal Cohen (Schlagzeug), Boaz Bentur (Bass) und Nimrod Bar (Keyboards) haben die gesamten 41:20 Minuten des Albums also genau so eingespielt, wie sie jetzt zu hören sind.

Besonders beeindruckend ist das, weil Tiny Fingers keineswegs gemütlichen Pop spielen oder filigrane Folksongs. Im Gegenteil: Megafauna klingt wie die Musik aus der Umkleidekabine einer Eishockeymannschaft, der Soundtrack eines Baller-Computerspiels, oder die bösartige Attacke, die aus der Kofferraum-Bassbox im Auto eines sehr schlecht gelaunten Metzgerlehrlings kommt – jedenfalls aggressiv und hart. Sehr hart.

Schon die reine Kraftleistung, die mit Megafauna verbunden ist, beeindruckt. Die Musiker setzten auf den Alles-in-einem-Take-Ansatz, um möglichst nahe an das Gefühl und die Energie ihrer Liveshows heranzukommen, sagen sie. Der Unterschied ist allerdings, dass es hier weder Ansagen noch Verschnaufpausen gibt. Mit verblüffender Ausdauer gibt das Quartett (Sängerin Daniella Cecilia Turgeman ist diesmal nicht dabei, alle Songs sind rein instrumental) praktisch konstant Vollgas, immer auf die Zwölf.

In Demands scheint die Gitarre um Gnade zu flehen und winselt wie eine leidende Katze. The Reduction Wheel stellt die Synthies etwas mehr in den Vordergrund und wird dadurch beinahe sinfonisch. Pasadena Matador wartet mit interessanter Rhythmik auf und zwischendurch mit einer der seltenen Phasen, in denen Tiny Fingers das Tempo rausnehmen. Auch Cyclamens ist ein gutes Beispiel dafür, wie ereignisreich die Musik auf Megafauna auch ganz ohne Gesang ist: Es ist eher der Bass, der hier für die nötige Wucht sorgt, das Schlagzeug ist hingegen fast filigran – so könnten die Smashing Pumpkins bei einem völlig abgedrehten Soundtrack ohne Billy Corgan geklungen haben.

Auf Dauer stellt man allerdings fest: So beeindruckend das Konzept von Tiny Fingers bei diesen neun Tracks (deren Länge reicht von knapp zwei bis gut sieben Minuten) in handwerklicher Hinsicht ist, so schnell erschöpft es sich. Megafauna, das in Israel schon im vergangenen Jahr erschienen ist und jetzt auch in Deutschland rauskommt, ist ein bisschen wie ein Album, auf dem Witze erzählt werden: Mit Abstand am besten ist es beim ersten Hören, mit jedem weiteren Durchlauf nimmt der Unterhaltungsfaktor deutlich ab.

Der Videobeweis aus dem Studio: Wirklich alles an Megafauna ist genau so eingespielt worden.

Tiny Fingers bei Facebook.

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