Hingehört: Tom Odell – „Long Way Down“


Klavier funktioniert auch im Stadion, beweist Tom Odell mit seinem Debüt.

Klavier funktioniert auch im Stadion, beweist Tom Odell mit seinem Debüt.

Künstler Tom Odell
Album Long Way Down
Label Columbia
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Long Way Down – diesen Titel darf man wörtlich nehmen. Denn die musikalische Entwicklung von Tom Odell war im gleichen Maße auch eine geografische. Schon als 13-Jähriger in seiner Heimatstadt Cichester im Süden Englands schrieb er erste Songs. Dann zog es ihn nach Brighton, wo er in die Szene eintauchte und sich erstmals vor Publikum ausprobierte. „Ich schrieb ein Jahr lang ununterbrochen Songs. Ich zog mit einem riesigen Keyboard durch Brighton und trat überall in der Stadt bei ‚Open Mic’-Abenden auf – das war einerseits demoralisierend, aber es hat mir auch extrem gut getan“, sagt der 22-Jährige heute über diese Zeit.

Sein Weg führte ihn dann nach London, wo er schnell Aufmerksamkeit erregte, die schließlich dazu führte, dass Lily Allen ihn für ihr Label unter Vertrag nahm und schließlich sein Debütalbum Long Way Down das Land eroberte. Das klingt wie eine logische Entwicklung, zugleich ist Tom Odell aber auch klar, dass eine Menge Glück dabei im Spiel war. „Ich habe immer an die Songs geglaubt. Ich war aber auch völlig ahnungslos, welche Möglichkeiten es gibt, zu versagen“, sagt er.

Der nächste Halt auf seinem Weg scheint der Weltruhm zu sein. Dafür spricht nicht nur sein Senkrechtstart inklusive eines TV-Debüts bei Jools Holland, einer Tour mit Jake Bugg, einem Brit-Award in der Kategorie „Critic’s Choice“ und nicht zuletzt dem Goldstatus für Long Way Down, das im UK die Spitze der Charts und in vier weiteren Ländern die Top 10 erreicht hat. Sondern dafür sprechen auch die Ambitionen von Tom Odell: Zu seinen Vorbildern zählt er unter anderem Elton John, Rufus Wainwright und Leonard Cohen, also die Champions League dessen, was man mit Gesang und Klavier erreichen kann.

Es gibt auf Long Way Down introspektive Momente wie Heal oder den Titelsong, bei denen man sich Tom Odell gut und gerne verträumt und mit geschlossenen Augen vorstellen kann. Aber der 22-Jährige hat ganz eindeutig auch Lust auf Showmanship. Dass man Piano-Songs auch für die Arena denken kann, hat Tom Odell verinnerlicht, und das ist eine der Stärken von Long Way Down. Es finden sich reichlich Stücke wie Till I Lost, die so kraftvoll sind, dass man sie quasi nur im Stehen spielen kann. Auch Sirens (geschrieben mit Andy Burrows) unterstreicht, dass Odell offensichtlich mehr Lust aufs Stadion hat als aufs Hinterzimmer, dass er lieber zupackend ist als weinerlich.

Das Grundprinzip von Long Way Down heißt immer wieder: Coldplay trifft Mumford & Sons. Schon der Opener Grow Old With Me illustriert das, baut viel Dramatik auf und versucht zugleich, eine gewisse Ursprünglichkeit zu bewahren. Auch der Monster-Hit Another Love passt in dieses Schema: Der Anfang ist reduziert, das Ende pompös, aber in jedem Moment merkt man, dass Tom Odell seine Botschaft wirklich am Herzen liegt.

Mit der Authentizität ist es ansonsten so eine Sache bei diesem Album. Dass Tom Odell ein Überzeugungstäter ist, daran kann kein Zweifel bestehen. „Ich hoffe, das Album wirkt menschlich und echt und dass es hier und da auch Fehler enthält – denn diese kleinen Unperfektheiten machen es zu dem, was es ist“, sagt der 22-Jährige. „Ich würde wirklich gerne in einer Zeit leben, in der Musik ungekünstelt und unperfekt war und den Menschen ein erhebendes Gefühl gab. Wenn es traurig ist, dann möchte ich, dass es auch WIRKLICH traurig ist. Und wenn die Musik fröhlich ist, dann will ich die Euphorie spüren… ich möchte, dass die Platte all die extremen Emotionen zum Ausdruck bringt, die das Leben für uns bereithält.“

Diesem Anspruch wird er vor allem mit seiner Stimme gerecht, die einen sehr eigenen Charakter hat. Sein Gesang hat nichts Gewinnendes, und Lieder wie Can’t Pretend mit seinen schweren Akkorden und dem dramatischen Chor würden viel besser zu einer makellosen Stimme wie der von meinetwegen Leona Lewis passen. Sein eigener Gesang reibt sich eher an diesen Songs, was mitunter nervig werden kann wie im Demo von Grow Old With Me, das es hier als Bonustrack gibt, und eine Tendenz zum Kaputtknödeln mit sich bringt, aber gelegentlich auch eine spannende Wirkung hat.

Doch neben derlei Individualität stehen viele Klischees. Die Romantik, die hier besungen wird, ist von der plumpesten Sorte (es gibt Blumen, das Wärmen kalter Füße, Spaziergänge und Wolkenbestaunen in den Texten von Tom Odell), vor allem aber gibt es einen Sound, der immer auf den maximalen Effekt aus ist. Das kann ein mächtiger Beat sein wie in I Know, eine plakative Pianowucht im Stile von The Blood Arm wie bei Hold Me oder eine Bilderbuch-Melancholie wie in Sense. Und wann immer ein bisschen Luft in diesen Songs ist, scheint Tom Odell ein „ohoho“ hineinpacken zu müssen.

Er ist insgesamt leider so stromlinienförmig, dass man gut nachvollziehen kann, wenn der NME ihn charakterisiert als “an act that’s three parts Ben Howard, five parts Adele, four parts Keane, eight parts Florence and 500 parts Marcus Mumford’s arse“. Am deutlichsten wird dieses Problem bei I Think It’s Going To Rain Today, einer Coverversion des Randy-Newman-Songs. Da erklingt auf diesem Album plötzlich ein Lied, das Reife und Klasse und Charakter hat – und das im Umkehrschluss deutlich macht, was den Stücken von Tom Odell fehlt. Er ist eindeutig ein Talent, wie etwa das an Ben Kweller erinnernde, fast schockierend klassische Supposed To Be beweist. Aber er ist eben kein Meister. Und für die nächste Station seines Wegs sollte er irgendwo in seinem Selbst dringend einen kreativen Kern finden statt bloß nach gängigen Trends zu suchen.

Tom Odells TV-Debüt: Another Love bei Jools Holland:

Homepage von Tom Odell.

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