Hingehört: Tortoise – „The Catastrophist“


Künstler Tortoise

Cover des Albums The Catastrophist von Tortoise Kritik Rezension

Ein Auftragswerk für ihre Heimatstadt war der Ausgangspunkt für „The Catastrophist“.

Album The Catastrophist
Label Thrill Jockey
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

„Hey kids, rock’n’roll“, lauten die ersten Wörter, die man auf dieser Platte hört. Tortoise beweisen damit ein ziemlich großes Maß an Ironie. Denn natürlich ist ihre Musik auch auf dem heute erscheinenden siebten Studioalbum nicht gerade das, was in der Welt der Heranwachsenden mit Begeisterung aufgenommen werden wird (schon eher ist ihr Sound für bekiffte, in die Jahre gekommene Musikredakteure geeignet). Und auch mit Rock’N’Roll hat The Catastrophist nur selten zu tun (auch wenn Schlagzeug und Bass beispielsweise in Shake Hands With Danger einen sehr kraftvollen Antriebsstrang bilden).

Stattdessen liefern Dan Bitney, John Herndon, Doug McCombs, John McEntire und Jeff Parker auch diesmal das, wofür man sie schätzt. Sie haben nämlich nicht nur die Bedeutung von Ironie verstanden, sondern auch zwei der wichtigsten Wirkungsweisen von Musik. Ein Lied kann beeindrucken im Sinne von „Wow, ist das schön!“ oder „Wow, ist das schräg!“ Und es kann einlullen und den Hörer wiegen in einem Zustand, der ein winziges bisschen jenseits ist von dem, was wir Alltag oder Normalität nennen.

Vor allem aber beweisen Tortoise auf The Catastrophist, wie meisterhaft sie nach 25 Jahren als Band das Zusammenspiel dieser beiden Funktionen beherrschen. Immer, wenn ihre Musik kurz davor ist, zu Muzak oder Ambient zu werden, bekommt sie einen Energieschub oder eine besonders gelungene Melodie verpasst. Immer, wenn sie kurz davor ist, auf gewöhnliche Weise mitreißend zu werden, lässt sie die Luft raus.

Schon der Titelsong zum Auftakt verdeutlicht dieses Prinzip: Die Melodie zu Beginn hat fast Jingle-Charakter, das Schlagzeug-Fill-In scheint dann zur Ekstase überleiten zu wollen, aber was folgt, ist eher Chillout. Das eingangs erwähnte Rock On ist noch so ein Beispiel. Für die Coverversion von David Essex‘ 1973er Hit (den hier Todd Rittmann von U.S. Maple singen darf) entschieden sich Tortoise, weil das Lied in ihrer Jugend omnipräsent war. Es behält ein bisschen von der Urtümlichkeit der Vorlage im Beat, zudem gibt es von pervertierten Soul-Bläsern einen Zusatz-Kick. Aber natürlich wird Rock On ansonsten völlig in Stücke gehauen.

So gehen Tortoise auch mit ihrem eigenen Material um, denn der Kern von The Catastrophist sind fünf Stücke, die entstanden sind, als ihre Heimatstadt Chicago sie 2010 bat, ein Werk über die lokale Jazz- und Impro-Musikszene zu schreiben. “When we finally got around to talking about a new record, the obvious solution to begin with was to take those pieces and see what else we could do with them”, sagt John McEntire. “It turned out that for them to work for Tortoise, they needed a bit more of a rethink in terms of structure. They’re all pretty different in the sense that at first they were just heads and solos. Now, they’re orchestrated and complex.”

Yonder Blue ist der einzige Track neben Rock On, der Gesang zu bietet hat, und als neuntes von elf Stücken kommt auch diese Abwechslung im genau richtigen Moment: Die Stimme von Yo La Tengos Georgia Hubley klingt darin wie ein Spätsommerabend, während die Musik dazu schon im Herbst angekommen ist.

Dazwischen gibt es instrumentale Improvisation, die meisterhaft ist, aber auch bei wiederholtem Hören ein bisschen zu intellektuell bleibt, um wirklich großartig zu werden. Die größte Magie bei Tortoise ist auch diesmal die Geschlossenheit, die sie einer so genau strukturierten, aus so vielen Einflüssen bestehenden, so oft überarbeiteten Musik mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit verleihen.

Tortoise spielen Gesceap live.

Demnächst gibt es Konzerte von Tortoise.

08.02.2016 – Fabrik (Hamburg)
09.02.2016 – Berghain (Berlin)
15.02.2016 – Franz.K (Reutlingen)
29.05.2016 – Feierwerk (München)
30.05.2016 – Das Bett (Frankfurt)

Website von Tortoise.

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