Hingehört: Tove Lo – „Queen Of The Clouds“


Künstler Tove Lo

Pop, aber edgy: Das ist die Stärke von Tove-Lo.

Pop, aber edgy: Das ist die Stärke von Tove-Lo.

Album Queen Of The Clouds
Label Universal
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Uff! Singt sie das wirklich? Beim ersten Refrain von Talking Body kann man da noch unsicher sein, beim zweiten ist es aber eindeutig. Der Text lautet unzweifelhaft: „Now if we’re talking body / You got a perfect one / so put it on me / swear it won’t take you long / if you love me right / we’ll fuck for life / on and on and on.” Wir ficken das ganze Leben lang, lautet also das Versprechen von Tove Lo, und auch 60 Jahre nach Pelvis, 23 Jahre nach Erotica und 6 Jahre nach der Frage, ob Lady Gaga eigentlich eine Vagina hat, ist das noch starker Tobak. Darf man neuerdings auch in harmloser, Mainstream-kompatibler, Kleinmädchen-tauglicher Popmusik so explizit sein?

Darf man, sagt Tove Lo aus Stockholm, die mit ihren Vorab-Songs Love Ballad und Habits einiges Aufsehen erregt hat und nun ihr Debütalbum Queen Of The Clouds vorlegt. „Ich filtere nicht gerne. Ich tauche beim Schreiben ganz tief ein und lasse alles raus, und jedes Mal, wenn ich innehalte, denke ich nur: Warum? Warum subtil sein? Sag es einfach so, wie es ist“, stellt sie klar. Natürlich hat sie auch schon gemerkt: „Ich glaube, meine Ehrlichkeit stört manche Leute.“

Diese gerne provozierende, manchmal schockierende Offenheit ist eine der wichtigsten Stärken von Tove Lo. Natürlich lässt das an ein paar andere Pop-Künstlerinnen denken, zu denen es hier in der Tat auch musikalische Parallelen gibt. Robyn (Moments) und Lorde (The Way That I Am) lassen gelegentlich grüßen. Der Schlusspunkt Love Ballad ist keineswegs eine Ballade, sondern ein Song, den vielleicht Lily Allen beim Karneval in Rio (oder wenigstens in Notting Hill) singen könnte. Und Miley Cyrus dürfte sehr froh sein, wenn sie Lieder wie Timebomb für ihr nächstes Album bekommt. Denn es ist genau so, wie ihre Songs sein müssen: jugendlich, hymnisch, wuchtig, mit ein bisschen Edge und viel Radiotauglichkeit.

Damit sind wir bei der zweiten großen Stärke von Tove Lo: Sie ist eine höchst kompetente Songwriterin. Sogar so gut, dass sie mittlerweile zum festen Team in der Hitfabrik ihres Landsmanns Max Martin gehört und dort Material beispielsweise für Girls Aloud schreibt. Der Weg dorthin war für Tove Lo (bürgerlich: Ebba Tove Elsa Nilsson) allerdings lang und einigermaßen ungewöhnlich.

Sie ging gemeinsam mit den beiden Mitgliedern von Icona Pop auf das Rytmus Musikergymnasiet in Stockholm. Danach sang sie in einer Math-Rock-Band („Es war wirklich harte Musik, und sie hat andauernd Tonart und Tempo gewechselt.“) und versuchte sich an eigenen Songideen – was allerdings schwierig war, da sie kein Instrument spielen konnte. Schließlich fand sie im Notebook das geeignete Werkzeug, um an eigenen Demos zu basteln. „Ich wollte mehr mit anderen Sounds experimentieren und nicht mehr so organisch klingen. Also hab ich angefangen, auf meinem Computer meine eigenen Songs zu produzieren, was echt Spaß gemacht hat.“

Der Song, der ihr schließlich zum Durchbruch (und zum Plattenvertrag mit Universal) verholfen hat, war dann Habits (Stay High). „In Habits geht’s um meinen Ex“, gibt Tove Lo – wieder einmal – unverblümt zu. „Da war so viel Leidenschaft und Schmerz, und ein dicker Schleier aus Rauch. Immer auf und ab. Irgendwann hat er sein Leben komplett geändert und sich einer buddhistischen Bewegung angeschlossen, aber ich war dafür überhaupt nicht bereit und bin gegangen.“ Der Track ist schön verspielt und plakativ, aber weit davon entfernt, den Rest von Queen Of The Clouds in den Schatten zu stellen.

Beispielsweise My Gun ist ebenso gut, zackig und lebendig – auch wenn die Idee, Waffen als Metaphern für Geschlechtsorgane zu nutzen, nicht allzu neu (oder geschmackvoll) ist. This Time Around setzt auf die ganz große Geste, aber unverkennbar stecken da auch große Gefühle dahinter. Run On Love taugt von allen Liedern auf Queen Of The Clouds am besten für den Club, Like Em Young ist ebenfalls ein bestens gelaunter, guter Popsong, der geschickt die Mitte aus kreativen Momenten und etablierten Mitteln findet.

Damit sind wir allerdings bei der Schwäche von Tove Lo angekommen: Queen Of The Clouds klingt manchmal ein bisschen zu fachmännisch. Thousand Miles beispielsweise ist keineswegs Wegwerf-, aber doch eindeutig Fließbandware. Not On Drugs ist sehr cool produziert, der Sound passt aber überhaupt nicht zur Aussage: „I’m not on drugs / I’m just in love“, singt die 27-Jährige, aber es klingt, als würde keins von beiden zutreffen. Auch Got Love, ein typischer Song für das Album, bestätigt diesen Effekt: Es hat eine gute Melodie und sehr angenehme Atmosphäre, allerdings klingt das alles auch ein bisschen sehr nach Hit-Baukasten.

Das sind allerdings kleine Defizite, und in den meisten Fällen wird die fehlende Unverwechselbarkeit des Sounds durch eine riesige Dosis Individualität in den Texten ausgeglichen, und zwar mit erstaunlich freizügigen und düsteren Inhalten. Vogue hat Tove Lo deshalb als das „traurigste Mädchen in Schweden“ bezeichnet. Das mag stimmen oder nicht: Es steht ihr in jedem Fall gut.

Das Video zu Habits verrät: Tove Lo duscht in Unterwäsche und mag keine Pommes.

Homepage von Tove Lo.

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