Hingehört: Viet Cong – „Viet Cong“


Künstler Viet Cong

Viet Cong bedeutet: 37 Minuten eiskaltes Dröhnen.

Viet Cong bedeutet: 37 Minuten eiskaltes Dröhnen.

Album Viet Cong
Label Jagjaguwar
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

4,1 Grad Celsius beträgt die Durchschnittstemperatur in Calgary. In fünf Monaten des Jahres übersteigt sie nicht den Gefrierpunkt. Man kann Matt Flegel und Scott Munro (ehemalige Mitglieder von Women und der Band von Chad VanGaalen), Mike Wallace und Daniel Christiansen also gerne glauben, wenn sie behaupten, eine Winterplatte gemacht zu haben. Denn sie kommen aus Calgary und legen mit Viet Cong ein Debütalbum vor, das einem Gänsehaut machen kann und kalte Füße. Vielleicht sogar eine Lungenentzündung.

Will man Viet Cong verstehen, nimmt man sich als erstes am besten das Lied vor, das auch für die Band selbst zum Schlüsselerlebnis wurde. March Of Progress hat einen kaputten Beat (zu dem, wenn überhaupt, allenfalls Balletttänzer marschieren könnten), ein sehr cleveres Spiel mit dem Klangpanorama und eine stoische Orgel. Erst nach knapp drei Minuten setzt der Gesang von Matt Flegel ein und sorgt für erstaunliche Harmonie in einer spinnerten Indien-Beatles-Manier. Nach knapp fünf Minuten erfährt der Track dann eine erneute Wende, die vor allem in einer enormen Beschleunigung und einer sehr glaubhaften Verwandlung in die Klangwelt diverser New-Wave-Pioniere besteht. „That’s the one where I thought: That’s what I want us to be doing, finally. That was the sound that I had heard in my mind before we even got started”, erinnert sich Flegel an den Moment, als Viet Cong diese Musik auf Band gebannt hatten.

Sein Bass sorgt beispielsweise in Pointless Experience dafür, dass die Musik auf eigentümliche Weise funky ist, die Gitarren sorgen derweil dafür, dass der Song angemessen übellaunig klingt, die Melodieführung im Refrain erinnert an The Smiths. Diesen Kontrast aus Unbarmherzigkeit und einer ganz vorsichtigen Hinwendung zur Harmonie gibt es immer wieder auf Viet Cong. Auf Continental Shelf hört man am deutlichsten, wie lange die vier Musiker sicherlich an den Effektgeräten für jedes einzelne Instrument herumdrehen, bis sie genau den gewünschten Sound haben: kaputt, mit einem Hauch von Zugänglichkeit.

Bunker Buster hat eine fast mathematische Präzision, wirkt aber nicht, als sei es von bleichen Nerds gespielt, sondern von gefährlichen Punks und wild gewordenen Goliaths. Alles ist in einem beinahe militärischen Sinne unerbittlich, nur die Gitarre wagt es, gelegentlich aus der Reihe zu tanzen. Der Opener Newspaper Spoons bietet erst ein paar Sekunden lang nur Trommeln, die so klingen, als seien sie mit kaputten Mikros aufgenommen worden, in einem U-Boot in einem Meer aus Magma. Dann folgen maschinenhafter Gesang und giftige Gitarren.

Silhouettes lebt von seinem rasanten Tempo, die Stimme kommt mit viel Feuer daher, die Gitarre mit Fieber: Mit etwas mehr Direktheit könnte man das einen Punksong nennen. Das gut elf Minuten lange Death beleiht am Anfang noch das Dröhnen bekannter Düstermänner wie Interpol, entwickelt sich danach aber zu einer spektakulären, unmissverständlichen Kriegserklärung an die Idee „Wohlklang“.

Das ist vor allem atmosphärisch sehr gelungen, trotzdem fällt es schwer, von Viet Cong in Begeisterung versetzt zu werden. Sie singen von Emotionen, von Qual, Leid und Bedauern, aber öffnen sich niemals. Man kann das nachvollziehen, man kann die Coolness, Konsequenz und Originalität bewundern, mit der sie das tun. Aber man kann nicht mitfühlen: Viet Cong verbieten einen emotionalen Zugang zu ihren Songs. Das liegt auch an den mitunter zynischen Texten. “There have to be little goofups and stuff that’s sometimes intentional, sometimes not”, erklärt Matt Flegel seinen Ansatz dabei. “I have a bleak sense of humour, too, so some lyrics might seem funny to me even though anyone else might think they’re desperately hopeless.”

Auch deshalb entwickelt das nur 37 Minuten lange Album zwar sehr schnell einen unverwechselbaren Charakter, kann aber auch nie ganz den Verdacht entkräften, dass man es hier nur mit gewieften Poseuren zu tun hat, die eine Überdosis Joy Division abbekommen haben. Das größte Problem, natürlich ein von der Band beabsichtigtes: Man wird nicht warm mit dieser Winterplatte.

Viet Cong bringen Death nach Ottawa.

Viet Cong bei Bandcamp.

 

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