Hingehört: Vivie Ann – „Flowers & Tigers“


Künstler Vivie Ann

Flowers & Tigers Vivie Ann Kritik Rezension

Über Crowdfunding wurde Vivie Anns „Flowers & Tigers“ finanziert.

Album Flowers & Tigers
Label My Oh My Recordings
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

„Jeder sagt dir, als Deutsche kannst du kein Englisch singen. Das sehe ich nicht so: Ich kann mich damit viel besser ausdrücken und finde diese Sprache viel weicher und bildhafter“, sagt Vivie Ann und fügt dann noch einen wichtigen Gedanken hinzu: „Außerdem ist Deutschland nicht die Welt.“

Daraus spricht deutlich erkennbarer Ehrgeiz. Zumindest die Idee einer internationalen Karriere scheint da beim heute erscheinenden Debütalbum Flowers & Tigers im Hinterkopf zu sein. Das ist nicht ganz verwunderlich bei der 24-jährigen Wahl-Hamburgerin, denn Musik war immer ein prägendes Element in ihrem Leben. Ihre Eltern verdienten mit Musik ihr Geld (als Jazz-Pianist und Chanson-Sängerin), schon vor dem Teenager-Alter schrieb sie ihre eigenen Songs und brachte sich etliche Instrumente selbst bei. Beim Hamburger Popkurs 2012 traf Vivie Ann dann auf Pianist Christoph Klinger und Schlagzeuger Helge Preuss. In dieser Besetzung schufen sie die im Juli 2013 erschienene EP Darlings, nun das erste Album, das über Crowdfunding finanziert wurde.

Flowers & Tigers bietet viel Wohlklang, echte Gefühle und echte Instrumente. Es setzt auf einen ein oft akustischen Sound, der manchmal an Boy denken lässt (etwa in Charlie Darling mit seinem schön dezenten Groove), auch Fans von Mine dürften sich hier zuhause fühlen (beispielsweise im sehr zurückhaltenden, sehr wehmütigen und sehr schönen Titelsong). Eindeutig ist auch der Einfluss, den Florence & The Machine auf Vivie Ann gehabt haben, wie sich in Chew It als Auftakt des Albums erkennen lässt: Der Song beginnt spannend und reduziert, breitet dann nach und nach aber einen richtig großen Sound aus. Auch der Hidden Track, kraftvoll, opulent und ungewöhnlich mit seinen häufigen Start-Stop-Momenten, unterstreicht diese Parallele.

„Das Album ist mir sehr ähnlich“, sagt Vivie Ann. „Es ist mal laut, mal leise, mal kantig, mal glatt, mal kratzig, mal weich. Ich war schon immer ein melancholischer, aber fröhlicher und hoffnungsvoller Mensch. Diese Symbiosen und Dynamiken finden sich auch in meinen Songs wieder: Das Album besteht aus Geschichten, die von ausweglosen Situationen erzählen. Meistens nehmen sie aber ein gutes Ende, da die Hoffnung, das Bauchgefühl und der Mut über die Angst und die Vernunft siegen.“

Das mitreißende Julia, das beste Lied auf Flowers & Tigers, ist ein Beleg für diese Aussage: Das Stück entpuppt sich als ein Aufruf an die neue Frau des eigenen Ex: Pass bloß auf, dass du ihn glücklich machst, er hat es verdient. Das ist so schwungvoll und originell wie beispielsweise die Songs von Kate Nash und zeigt zudem, dass auch Selbstlosigkeit nicht gegen Schmerz hilft. Mothers Heart wird ein schickes Dankeschön, nicht nur an die eigene Mutter, sondern an die gesamte Generationenfolge von Müttern. In No Place nutzt Vivie Ann ausnahmsweise nicht ihre Kopf-, sondern ihre Bruststimme und klingt damit ein wenig nach Amy Winehouse, auch weil es um verschmähte Liebe geht. Rose Coloured Glasses zeigt, wie romantisch das Gelöbnis klingen kann, für die Liebe notfalls auch hart arbeiten zu wollen.

Die Stärken dieses Albums werden manchmal allerdings auch zu seinen Schwächen: Das handwerkliche Können führt zu ein paar Mucker-Momenten, beispielsweise zu dick aufgetragenen Streichern. Die erwachsenen Texte von Vivie Ann führen zu interessanten Themen, bedeuten aber auch, dass es hier praktisch nie so etwas wie Übermut und Spaß gibt. Flowers & Tigers ist immer schön und angenehm – vor allem bei einem Debütalbum hätte man sich aber gewünscht, dass es wenigstens ab und zu auch aufregend wird.

Einen Schatten und eine Ratgeberin gibt Vivie Ann im Video zu Julia.

Website von Vivie Ann.

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