Hingehört: Warm Graves – „Ships Will Come“


Künstler Warm Graves

Ein 17-köpfiger Chor wird auf "Ships Will Come" (vielleicht) ins Paradies entführt.

Ein 17-köpfiger Chor wird auf „Ships Will Come“ (vielleicht) ins Paradies entführt.

Album Ships Will Come
Label This Charming Man
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Warm Graves sind zu dritt, kommen aus den USA (Jared Wyatt), Italien (Zar Monta Cola) und Deutschland (Jonas Wehner) und haben vor zwei Jahren in Leipzig zusammengefunden. Als Debüt haben sie gleich ein Konzeptalbum vorgelegt, sagen sie. Leider ohne Details preiszugeben, welcher rote Faden die sieben Tracks auf Ships Will Come denn nun genau verbindet. Von dystopischer Science-Fiction-Literatur ist die Rede, von der Betonung des Kollektivs statt des Individuums.

Ich bin also gerne so freundlich und erkläre das Ganze: Die ersten Töne auf dieser Platte sind das Pfeifen des Windes, eine todtraurige Kirchenorgel und eine Trommel, die unerbittlich den Countdown bis zum Jüngsten Tag zu schlagen scheint. Dann setzt der Gesang ein, und er klingt in Ravachol (und danach in allen anderen Tracks), als stamme er von einem Jugendchor, der bei offenem Fenster singt, und zwar in einem anderen Gebäude, zwei Straßen weiter. (Ja, ich weiß, was ein Hall-Effekt ist, aber so klingt es poetischer, oder?)

In Penumbra, dem zweiten Song, schleicht sich dann der Verdacht ein: Vielleicht singt dieser Chor auch auf einem Schiff, mit einem Fährmann namens „Charon“, auf der sehr, sehr langen Reise ins Jenseits. Und spätestens im dritten Track, Cold Women, kann man sicher sein: Die Musik von Warm Graves ist im Himmel angekommen, so majestätisch klingt dieses Schwelgen, so erhebend der Gesang.

Die Stimmen stammen tatsächlich von einem Chor (17 Mitglieder sind im Booklet von Ships Will Come erwähnt), die Musik des Trios aus Leipzig weiß um die Kraft des Dröhnens und der Wiederholung, ohne dass sie je monoton würde. Sehr schnell verschwimmt und verschmilzt alles, kann (und muss) man auf diesem Album keine einzelnen Songs, ja kaum mehr einzelne Instrumente ausmachen. Dass Warm Graves in der Liste ihrer Einflüsse unter anderem Arcade Fire (die große Geste) und die Flaming Lips (die spinnerte Abenteuerlust) nennen, kann man zumindest beim dritten, vierten Durchlauf gut nachvollziehen. Und live dürfte dieser Sound bestimmt noch ein wenig eindrucksvoller sein, am besten in Grotten, Kirchen oder anderen alten Gemäuern aufgeführt (Warm Graves haben tatsächlich gerade eine Tour hinter sich, zwischen 9. und 30. Oktober standen sie imposante 19 Mal auf der Bühne).

Und wie geht die Geschichte von Ships Will Come nun weiter? Der Titelsong lässt den Chor dezent jubilieren, vielleicht weil die Mitglieder in einem der wenig benutzten Bereiche des Paradieses (die Plätze dort sind ja bekanntlich begrenzt) eine alte Gitarre der Smiths gefunden haben. Best Ezra schwingt sich immer weiter auf und könnte als Remix sicher manche Trauerfeier in einen Rave verwandeln. Headlines klingt, als dürften unsere Neuankömmlinge im Paradies mit einem dieser praktischen kleinen Raumschiffe, die es dort zur freien Verfügung gibt, einen 8:36-Minuten-Ausflug ins All machen, mit ein paar sehr erhabenen Blicken auf andere Planeten und ein paar seltsamen Geräuschen aus dem Cockpit. Und weil das so schön ist, feiern sie ganz am Schluss in Rouleaux in einer unvergesslichen Zeremonie den Abschied von ihrem letzten bisschen Heimweh nach einem Leben auf der Erde.

Nicht ganz von dieser Welt ist auch das Video zu Penumbra.

Warm Graves bei Facebook.

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