Hingehört: Weaves – „Weaves“


Künstler Weaves

Weaves Albumkritik Rezension

Klassiche Mittel, abenteuerliche Ergebnisse: So funktioniert „Weaves“.

Album Weaves
Label Memphis Industries
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Quietschfidel und kunterbunt beginnt diese Platte. Die Single Tick klingt wie das Hirn eines 13-Jährigen – und setzt damit den Maßstab für Weaves. Die Band aus Toronto, gegründet von Jasmyn Burke und Morgan Waters und vor knapp drei Jahren durch die Ergänzung um Schlagzeuger Spencer Cole und Bassist Zach Bines zum Quartett gewachsen, liefert auf ihrem Debütalbum erstaunlich intensive, individuelle und abenteuerliche Rockmusik ab. Und zwar in einer Regelmäßigkeit, die schlicht umwerfend ist.

Birds & Bees ist schräg, niedlich und voller guter Gitarrenideen: So geschickt hat wohl noch niemand eine Liebeserklärung an Graham Coxon getarnt. Sentence, das zunächst auf einen elektronischen Beat setzt, liefert vielleicht den Sound, von dem die Strokes träumen, sollten sie sich noch jemals zu einem Album aufraffen können. One More entspringt genau dem Punkt, an dem aus dem Widerstreit von Anziehung und Abstoßung eine epochale Kraft erwächst. Eagle erweist sich als Ballade, die trotzdem brodelt, weil auch hier nicht die Form entscheidend ist, sondern das unmittelbar zum Ausdruck gebrachte Gefühl.

„Were always trying to push ourselves“, sagt Morgan Waters über die Zielsetzung von Weaves. „Sometimes it feels like bands aren’t necessary, like they’re not the one’s pushing music forward, so I think we’re trying to hopefully prove that bands aren’t boring. If we are going to be a band and if we are going to do this guitar, bass and drums thing then we might as well see how much we can fuck it up.“

In der Tat ist es kaum zu fassen, wie packend dieses Album klingt, das mit ganz klassischen Mitteln entstanden ist. Ganz viel Wut, Intelligenz und Biestigkeit stecken in einem Mega-Song wie Shithole, der trotzdem die Arme für eine Umarmung öffnet, weil Weaves schließlich wissen, dass wir uns alle nicht nur manchmal genauso fühlen. Candy klingt monströs, wird aber ganz eindeutig gespeist aus Verletzlichkeit. Stress ist ungeheuer intensiv, Coo Coo beweist, dass Reggae auch kratzbürstig klingen kann.

Die Energie von Pissed Jeans, mit denen Weaves schon auf Tour waren, kann man hier ebenso sehr heraushören wie eine sehr reflektierte emotionale Offenheit im Stile von K-Flay und die Lust auf taufrisch klingende Gitarreneskapaden, die zuletzt beispielsweise Courtney Barnett so vortrefflich ausgelebt hat. Sogar die wenigen Momente, die nicht perfekt sind, tragen zur Stärke dieses Albums bei. „My emotions were taking over my brain“, singt Jasmyn Burke sehr treffend in Two Oceans, der Sound dazu wird zwar auf etwas affektierte Weise edgy, das liegt aber womöglich bloß daran, dass sie weiß, wie lächerlich manche romantische Vorstellungen sind, gegen die man sich trotzdem nicht wehren kann. In Human passt der Refrain nicht optimal zur Strophe, die etwas chaotische Form des Songs ist aber eine sehr plausible Entsprechung der Aussage: „Keeping up with humans / leads me to extremes“.

Man möchte Weaves knutschen, zu Rittern schlagen oder das Versprechen auf immerwährendes Glück schenken für eine so großartige Platte, die tatsächlich von der ersten bis zur letzten Sekunde aufregend ist. Oder das Album einfach immer wieder hören.

Kleiner Gig in kleinem Studio: Weaves spielen Coo Coo, Shithole und One More live.

Website von Weaves.

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