White Lies – „Big TV“


Künstler White Lies

Auf "Big TV" verzichten die White Lies auf Plakatives - leider auch auf große Momente.

Auf „Big TV“ verzichten die White Lies auf Plakatives – leider auch auf große Momente.

Album Big TV
Label Polydor
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

„Thanks to everyone who contributed to the making of this record“, ist der letzte Satz im Booklet von Big TV, dem dritten Album der White Lies. Niemand wird namentlich erwähnt, niemand wird besonders herzlich oder individuell gegrüßt. Das kann man durchaus schnippisch nennen. Und ein bisschen faul. Und leider sind das typische Charaktereigenschaften für Big TV.

Nach dem Senkrechtstart mit To Lose My Life (2009) und dem respektablen Ritual (2011) „hatten wir auf jeden Fall das Gefühl, Einiges gelernt zu haben – auch darüber, was wir bei diesem Album nicht machen wollten“, sagt Frontmann Harry McVeigh. „Vor allem wollten wir bei diesem Album alles um Einiges einfacher halten.“

Man hört der in Brüssel aufgenommenen Platte an, was er meint: Es gibt nach wie vor viel Bass und kühle Synthieflächen, es gibt auch etliche energische Momente, aber nichts allzu Plakatives. Man muss den White Lies freilich zugestehen: Big TV entwickelt sich. Nach dem vierten, fünften Durchlauf verfangen die Melodien und offenbaren sich noch immer ein paar Überraschungen. Nicht zuletzt ist Harry McVeigh nach wie vor einer der am schönsten leidenden Sänger im Rockgeschäft.

Schon im Opener Big TV singt er von Anfang an wie ein Mann, der weiß, dass er gleich ans Kreuz genagelt wird. Nach dem ersten Refrain muss man allerdings glauben, dass er zugleich wild entschlossen ist, ganz oben auf dem Kruzifix eine Discokugel anzubringen. Auch in der Ballade Change (ganz ohne Gitarre, dafür mit Charakter) kann er glänzen: Der Song könnte durchaus Hurts neidisch machen.

Der beste Song ist die Single There Goes Our Love Again. Das Lied ist düster, aber eher im Sinne von Glasvegas als in der Tradition von Joy Division. McVeigh schafft es, jede einzelne Silbe überzubetonen, verliert um Ende aber seine Coolness und Berechnung, wird echt und sogar leidenschaftlich – ein seltener Moment.

Denn was der Platte fehlt, ist leider genau das, was die White Lies bisher ausmachte: der große Moment. Getting Even ist so ein Fall: Die ganze Atmosphäre verspricht Zauber, Erlösung, Rausch, aber nichts davon tritt ein, obwohl der Song einige gute Ideen zu bieten hat. Auch Be Your Man zündet trotz seines vergleichsweise hohen Tempos nicht, sondern bleibt formelhaft. Spätestens bei Heaven Wait, dem vorletzten Lied der Platte, wünscht man sich endlich einmal eine andere Stimmung (oder wenigstens eine andere Stimmlage). Der Rausschmeißer Goldmine profitiert von einem Schlagzeug, das richtig Dampf macht, ist aber einer von gleich mehreren Songs, die der Versuchung erliegen, ihre besten Teile ein paar Mal zu oft zu wiederholen.

Anderes wird schräg, wie Tricky To Love, das um einen kreativen Bass herum aufgebaut ist und erahnen lässt, was passiert wäre, wenn Billy Idol einst das Selbstmitleid und zudem ein paar Klötzchen aus dem Soundbaukasten von Spandau Ballet entdeckt hätte. First Time Caller ist einer von etlichen Momenten, in denen die pseudo-bedeutenden Texte nervig werden, auch Mother Tongue gehört dazu. McVeigh betrachtet den Track, der eine unheilige Allianz aus A-ha und den Sisters Of Mercy heraufbeschwört, als „ein Liebeslied über Sprache“ und fügt an: „Das finde ich momentan interessanter, als über den Tod oder Ähnliches zu schreiben. Ich bin 25, nicht mehr 18.“ Derlei Wille zur Weiterentwicklung ist lobenswert. Doch viele der Stärken der White Lies sind bei Big TV leider auf der Strecke geblieben.

There Goes Our Live Again funktioniert auch akustisch, beweist diese Version:

Homepage der White Lies.

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