Hingehört: White Lies – „Friends“


Künstler White Lies

White Lies Friends Kritik Rezension

Mit neuem Label und neuen Ideen gehen die White Lies ihr viertes Album an.

Album Friends
Label Infectious
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Wenn Bands anfangen, von antiken Synthesizern zu schwärmen, dann ist Vorsicht geboten. Erst recht gilt das, wenn diese Bands bisher vor allem für Stadionrock mit einem Hang zur Düsternis bekannt waren. Die White Lies sind jetzt von diesem Virus befallen, und die Verantwortung dafür trägt Bryan Ferry. In seinem Studio in London durften die Jungs ihr viertes Album aufnehmen, und es fühlte sich an wie ein Trip zu Toys R Us für einen Fünfjährigen mit Goldener Kreditkarte.

“It’s an amazing place, an archive as well as a studio that has lots of obscure Roxy Music posters, all of Bryan’s outfits from over the years and Eno’s vintage synths, which we were able to use”, schwärmt Schlagzeuger Jack Lawrence-Brown. Bassist Charles Cave war ebenfalls überwältigt von den Synthesizern, die teilweise seit über 30 Jahren nicht mehr gespielt worden waren: „Some looked like a cockpit of a plane. One you played like Batttleships. Another made the incredible steel drum sound.” Frontmann Harry McVeigh bestätigt, wie wichtig die Wahl des Studios, in dem zuvor außer den Mitgliedern von Roxy Music bloß Prince aufnehmen durfte, für das neue Album war: “The place had a huge impact on the sound of the record. The live room was too small to create the spacious drum sound we usually have, so we kept it tight and close, which lent itself to the dancier elements.”

Man ahnt schon: Da hat sich einiges getan in der Welt des Trios aus London. Pop und Disco prägen das morgen erscheinende Friends. Dazu hat auch beigetragen, dass die Band nach den ersten drei Alben ohne Vertrag war. “We’d been signed since we were 18”, sagt Sänger Harry McVeigh. “We’re all 28 now. Not having a label was liberating. We could write what we wanted, pick our own studio and choose who to work with. We could use what we’d learnt along the way and if another label liked our new songs they could sign us. It was like making a debut album again.”

Diese Freiheit, die Freude am Experiment und den Willen, die Grenzen der Band zu erweitern, hört man der Platte deutlich an. Das Problem dabei ist: Die White Lies haben sich offensichtlich, durchaus mit guten Ergebnissen, auf reichlich Sound-Details fokussiert. Aber sie haben vergessen, vorher erst einmal gute Songs zu schreiben, die dann mit solchen Sounds ausgeschmückt werden können.

Morning In L.A. ist ein gutes Beispiel dafür. Bezeichnenderweise ist es der Track, der den Weg für Friends wies: “Straight away the melody suggested pop rather than rock so that’s the route we took”, erklärt Charles Cave. “It’s one of the catchiest songs we’ve ever written, but also a bit silly. Lyrically, it’s about someone looking at their watch in London, waiting for L.A. to wake up so they can have a conversation.” Das Ergebnis ist ein Lied, das kaum Text hat, noch weniger Inhalt und null Substanz. Später wird es noch etwas schlimmer: Swing ist völlig langweilig. Come On wäre selbst dann, wenn es einen weniger verheißungsvollen Titel hätte, enttäuschend träge.

Das Gros der Lieder ist aber keineswegs katastrophal, vielmehr prägt ein Eindruck von „gut gemeint, aber nicht wirklich gut“ dieses Album. Right Place ist so ein Fall: Die Melodie erinnert zu Beginn an Fairytale Of New York von den Pogues, dann entwickelt sich ein Lied, das man okay und solide finden kann, wenn man die White Lies mag, oder erschütternd unspektakulär, wenn man es nicht so gut mit ihnen meint. In Don’t Fall stimmt die Atmosphäre, aber sonst nichts. Die Leadsingle Take It Out On Me, die mitunter an die Simple Minds denken lässt, hat ordentlich Schwung und ein paar gute Ideen, zündet aber nicht. Und wenn die White Lies mal eine brauchbare Idee haben wie in Don’t Want To Feel At All, müssen sie leider auch gleich damit protzen und sie damit überstrapazieren.

Die Zutaten scheinen auch diesmal alle zu stimmen, aber das Menü schmeckt einfach nicht. Das liegt manchmal auch an den limitierten Fähigkeiten von Sänger Harry McVeigh: Seine Stimme kann oft nicht mit der Höhe der Melodie mithalten, was vielen Liedern einen angestrengten Beigeschmack gibt. Hold Back Your Love wirkt beispielsweise, als bewerbe sich Dave Gahan als neuer Sänger bei Erasure. Bezeichnenderweise sind die Songs, auf denen die Stimme entspannt klingt (etwa Is My Love Enough?), viel angenehmer und überzeugender.

Auch im besten Lied von Friends kommt dieser Effekt zum Tragen: Summer Didn’t Change A Thing gefällt nicht deshalb am meisten, weil es nahe am früheren Sound der Band ist, sondern weil es hier endlich genug Energie, eine einnehmende Melodie und ein rundes Gesamtergebnis gibt.

White Lies spielen Take It Out On Me live in Liverpool.

Demnächst gibt es die Band live in Deutschland:

21.10.2016 Frankfurt, Gibson

22.10.2016 Osnabrück, Rosenhof

23.10.2016 Köln, Kantine

30.10.2016 Hamburg, Übel & Gefährlich

31.10.2016 Berlin, Huxley’s

05.11.2016 A-Wien, Ottakringer Brauerei

09.11.2016 München, Theaterfabrik

Website der White Lies.

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