Hingehört: Wooden Arms – „Tide“


Künstler Wooden Arms

Musik mit Diplom und emotionaler Kraft - das ist das Debüt von Wooden Arms.

Musik mit Diplom und emotionaler Kraft – das ist das Debüt von Wooden Arms.

Album Tide
Label Butterfly Collectors
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Was macht klassische Musik zu klassischer Musik – außer der Tatsache, dass die Komponisten meist tot sind, die Instrumente, für die sie einst geschrieben wurde, heute meist nur noch von Mitgliedern der Deutschen Orchestervereinigung e.V. gespielt werden und die Kostüme, in denen erstmals zu dieser Musik getanzt wurde, aus heutiger Sicht noch seltsamer aussehen als ein gewöhnliches Outfit von Carmen Geiss?

Selbst Wikipedia tut sich mit einer Definition schwer und verlegt sich bei dieser Frage auf die Abgrenzung: Klassische Musik ist auf jeden Fall keine Popmusik und eindeutig keine unterhaltende Musik. Sie ist Kunst – und in diesem Sinne kann man Tide, das Debütalbum von Wooden Arms aus Norwich durchaus als solche betrachten.

Alex Carson, der Kopf des 2012 gegründeten Sextetts, hat immerhin eine hochoffizielle Ausbildung zum Klavierlehrer, zu Wooden Arms gehören außerdem Jessica Diggins (Geige und Gesang), Fynn Titford-Mock (Cello), Jeff Smith (Gitarre, Gesang, Kornett), Milly Hirst (Gesang) und Alex Mackenzie (Bass und Schlagzeug). Schon das Instrumentarium legt nahe, dass es hier nicht um Wumms und Plakatives geht, sondern um Schönklang. In der Tat bietet Tide eine Musik, der man die Diplome der beteiligten Musiker durchaus anhört, die aber trotzdem eine große, unmittelbare emotionale Kraft hat.

December, das erste von nur sechs Stücken, beginnt mit Klavier, dann gesellen sich behutsam Gesang und Cello dazu; jeder Ton ist dabei erlesen und exquisit. Waiting ist schwerelos, die Geige im Titelsong Tide klingt wie ein Schmetterling (das Label von Wooden Arms heißt schließlich Butterfly Collectors!), der Schlusspunkt False Start, der schon auf der Debüt-EP der Band im Sommer 2013 enthalten war, ist einfach eine herrliche Ballade.

Wer Bezugspunkte sucht, kann auf Antony & The Johnsons verweisen oder auf Peter Broderick, mit dem Wooden Arms schon auf Tour waren. Vicenarian lässt an eine Inkarnation von Belle & Sebastian ohne Autodidaktik und Lo-Fi-Prägung denken, Noah hat fast Musical- oder Filmmusik-Charakter, so sehr trägt es seine Emotionalität nach außen.

Erstaunlich dabei ist, wie filigran alles auf Tide ist und wie es das Schlagzeug doch immer wieder schafft, sich da einzufügen, gelegentlich sogar mal eine Ahnung von TripHop aufkommen zu lassen. Klassik oder nicht – wundervoll ist das auf jeden Fall.

Erst behutsam, dann spektakulär – so ist auch das Video zu December.

Homepage von Wooden Arms.

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