Hingehört: Zola Jesus – „Taiga“


Künstler Zola Jesus

Viel Pose, wenig Inhalt - an dieser Schwäche scheitert "Taiga".

Viel Pose, wenig Inhalt – an dieser Schwäche scheitert „Taiga“.

Album Taiga
Label Mute
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Es ist beinahe beängstigend, wie sehr Zola Jesus von ihrem fünften Album überzeugt ist. “For me, it feels like my true debut, because it is the first time I have felt so open and liberated”, sagt die Frau, die eigentlich Nika Roza Danilova heißt, über Taiga. Auch der Albumtitel hat mit dem Gefühl zu tun, endlich angekommen zu sein, eine Identität und ein Zuhause gefunden zu haben. “Taiga ist der russische Name für den borealen Wald. (…) Er repräsentiert eine wilde, unerschlossene Welt, die fröhlich ohne uns existieren könnte. Es gibt sie im Norden von Wisconsin, wo ich aufgewachsen bin, aber auch in Russland, wo meine Vorfahren herkommen… so gesehen fühlt sich der Titel sehr heimisch an“, sagt die 25-Jährige.

Begleitend zu dieser Platte hat Zola Jesus sogar ein „Taiga Manifesto“ geschrieben, in dem sie die Bedeutung des Albums noch stärker in den Vordergrund rückt: „My new record, Taiga, explores the intense passion of having purpose, of knowing the truth about our fate as humans, and finding ways to deal with the risk of losing order. I want to empower people to feel an ambition to find their own purpose.”

Das Problem an Taiga ist: Die Platte enthält nichts, was einen derart ambitionierten Überbau rechtfertigen könnte. Keiner der elf Songs ist sonderlich schlecht, aber es gibt auch keinen einzigen Wow!-Moment. Taiga ist erschreckend durchschnittlich – und das beißt sich gehörig mit all dem Ballast, den riesigen Erwartungen und der ganzen Philosophie, die Zola Jesus damit verknüpfen möchte.

Überall gibt es diesen Kontrast aus dem, was (als weltbewegend) angestrebt wurde und dem, was (meist nichtssagend) ist. Go (Blank Sea) ist großes Kino, aber eher auf der Ebene der Produktion als hinsichtlich der Komposition. Lawless hat eine verheißungsvolle erste Strophe, der dann aber der Refrain nicht gerecht wird. Nail ist halbwegs interessant, aber (wie viele andere Tracks auf Taiga) bloß eine vertonte Pose.

Hunger hat ausgefeilte Beats zu bieten, fügt dem, was Björk schon vor 20 Jahren veranstaltet hat, aber nichts hinzu. Dust bleibt bedeutungsschwanger statt bedeutend zu werden. Die Single Dangerous Days ist okay, aber weit davon entfernt, besonders zu sein: Sie scheint derselben Charge zu entstammen, aus der zuletzt auch Ellie Goulding, Lorde oder Loreen ihre Songs bezogen haben.

Besonders eklatant wird das Missverhältnis aus Anspruch und Substanz, wenn Zola Jesus ein ganzes Orchester auffährt wie in Ego: Am Anfang klingt sie, als würde sie in einen Märchenwald hineintippeln, dann kommen die mächtigen Bläser hinzu, wie die massiven Stampfer eines Riesen, der in diesem Wald sein Unwesen treibt. Der Titelsong hat ebenfalls derlei theatralische Sounds zu bieten und beginnt mit ganz vielen Wörtern, die eigentlich nur aus einer Silbe bestehen, aber von Zola Jesus über mehrere Silben gestreckt werden – wenn man bösartig ist, kann man darin das Grundprinzip des Albums erkennen, dass hier aus allem ein bisschen mehr gemacht werden soll als eigentlich drinsteckt.

Alles ist affektiert, überstrapaziert, ständig kommt man sich vor, als würde Zola Jesus diese Lieder nirgends anders singen können als vor einer riesigen Windmaschine, mit reichlich Kunstnebel von der Seite. Fatal wirkt sich aus, dass ihre Stimme – die sonst bei Zola Jesus das Salz in der Suppe war, ebenso einfühlsam und verletzlich wie direkt und gefährlich – diesmal fast nur eine Facette kennt und zudem praktisch durchweg mit Effekten versehen ist. In Long Way Down führt das tatsächlich dazu, dass man genervt von diesem Gesang ist und sich die Frage stellt, ob das Lied nicht als Instrumental besser wäre.

Immerhin gibt es am Ende von Taiga dezente Lichtblicke: Hollow zeigt, was der Sound von Zola Jesus zu leisten vermag – und führt damit auch vor Augen: Das Problem dieser Platte ist nicht dieser Sound, sondern die fehlende Variation, die zu wenig packenden Melodien und die zu unspektakulären Beats. Ganz am Ende gibt es mit It’s Not Over endlich einen Song, der zum prätentiösen Trotz von Zola Jesus passt, in dem Idee und Atmosphäre harmonieren. Der Rest von Taiga ist enttäuschend hohl und steril.

Zola Jesus singt Dangerous Days live (und schief):

Homepage von Zola Jesus.

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