Hingehört: Abba – „Abba Gold“ 2


Virtuosen in einer heilen Welt: Die größten Hits von Abba.

Künstler Abba
Album Abba Gold
Label Polydor
Erscheinungsjahr 1992
Bewertung ****

You´re a teaser, you turn ´em on / leave them burning and then you´re GONE. Wie sie dieses „gone“ singen! Der Hämmer. Gleich im Opener Dancing Queen also schon alle Qualitäten von Abba vereint. Die Gesangs-Harmonien und -arrangements, die klassischen (im Sinne von Bach, Mozart und so) Kompositionen, das Klavier.

Und, ganz wichtig: die Hi-hat. Eigentlich bestand alle Musik der späten Siebziger nur aus Hi-hats, jedenfalls war dieses Schlagzeugteil immer das wichtigste.

Trotz der Virtuosität (man sieht praktisch die Notenblätter vor sich, und bei welcher Popmusik sieht man die heute schon?) ist das hier natürlich kein verfrickeltes Gewichse. Der Bass kann ruhig mal primitiv wummern, auch für Ironie und Selbstverarsche sind sich A, b, b und a nicht zu schade. Eindeutiger Beweis: der Background-Gesang von Björn und Benny beim letzten Refrain von Take A Chance On Me: Bababa.

Dieser Track führt uns auch gleich zur Schwäche von Abba: den Texten. Für Lyrics wie die von Take A Chance On Me würden einen heutzutage wohl zwei Divisonen von Feministinnen und eine Hundertschaft Spezialeinheit-Girlies auflauern, gefangennehemen, sieben Wochen lang eine einzige Indigo-Girls-Single vorspielen und einem dann mit einem stumpfen, von Alice Schwarzer ausgeliehenen Messer die Eier abschneiden. Damals aber konnte man so etwas ungestraft reimen (jedenfalls haben die zwei B´s auch nach Erscheinen noch gesunde Kinder gezeugt). Bei Abba ist die Frau daheim/am Herd/im Schlafzimmer, jedenfalls da, und zwar für den Mann. „Put me through the test!“. Agnetha und Ann-Frid müssen schon sehr ignorant gewesen sein, um so was zu singen. Oder eben kein Englisch verstanden haben (was offensichtlich auch der Fall ist, siehe Aussprache und Grammatik).

Diese Kleinbürgerlichkeit und Provinzialität schimmert immer wieder in den Texten durch und begründet wohl auch die schwachsinnigen Versuche, exotisch zu klingen (was Songtitel wie Chiquitita oder Voulez-Vous und natürlich auch Fernando zur Folge hatte). Sehr unpop, das alles, aber es waren die Siebziger, und es war in Schweden. Die Welt war heil, die Bandmitglieder waren miteinander verheiratet und die ledigen Frauen warteten darauf, dass sie die ledigen Männer gefälligst ansprachen.

Hört man nicht auf die Lyrics, ist man schnell wieder bei den Stärken: dem Mörder-Groove, den rockigen (!) Gitarren und dem Götter-Chorus von Mamma Mia oder dem Intro von Souper Trouper. Dazwischen noch Lay All Your Love On Me, das aus zweierlei Gründen sehr bedeutend ist: 1. die unvergessene und grandiose Version von Erasure auf deren „Abba-esque“-EP, 2. Roxette-Per klaute die Melodie 1:1 für die Strophe von Comeback (Before You Leave). Schon sehr dreist. Aber gut geklaut ist halb gewonnen.

Und das Gute an Abba-Liedern ist natürlich: Jeder kann sie mitsingen. Ein schönes „Souper-per trouper-per“ in trauter und besoffener Runde ist stets ein Erlebnis. Das Geheimnis des Abba-Erfolges (ja, gut hergehört) ist nämlich: Im Mittelpunkt steht der Gesang, Gesang, Gesang. Man kann garnirgends anders hinhören (und wenn man es doch versucht, lohnt es meistens nicht).

Das einzige textlich halbwegs gelungene Lied ist The Winner Takes It All. Jeweils ein Abba-Weiblein war ja mit jeweils einem Abba-Männlein verheiratet (trotz der Vollbärte), am Schluss ließen sich beide Paare scheiden, die Band blieb aber bestehen. Natürlich schon makaber, einen Song darüber zu schreiben und ihn dann von der Band performen zu lassen, aber naja. Am Schluss klingt das Stück nach Las-Vegas-Revue. Und Las Vegas passt ja zur Scheidung, irgendwie.

Fernando beginnt wie ein Flippers-Song, bleibt dann textlich und musikalisch wirr. Voulez- Vous klingt mit seinen Bläsern wie der Versuch einer Bee-Gees-Parodie, also: gut. Gimme! Gimme! Gimme! ist total abgefahren, ein unglaublicher Stompfer mit sehr experimentellem Bass. Fast könnte man meinen, Abba seien auf Drogen gewesen. Aber das geht ja gar nicht.

Does Your Mother Know? dürfen ausnahmsweise mal die Jungens singen, und man sieht, warum sie das sonst den beiden A´s überlassen. „I can see / what you want / but you seem pretty young / to be searching for that kind of fun.“ Könnte von Ash sein, diese Zeile, deshalb haben sie das auch gleich gecovert. Spätestens beim unübertroffen schwurbeligen Intro von One Of Us begreift man dann auch, warum Abba bei Schwulen so beliebt sind.

Den Schluss macht Waterloo, womit Abba ja ihren Durchbruch beim Grand-Prix hatten. Im Rückblick erstaunlich, denn das Stück ist doch eher untypisch (zu schnell und zu laut) und außerdem sind hier mindestens zehn Lieder drauf, die besser für den Grand-Prix getaugt hätten. Der bessere Schluss-Song wäre somit der gewesen, der auch als Fazit herhalten muss: Thank You For The Music.

So etwas wie ein Videoclip zu „Dancing Queen“ (mit ganz vielen Haaren und so etwas wie einer DJ-Bobo-Gedächtnis-Choreographie):

Abba bei MySpace (jawohl, das gibt es!)


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