Hingehört: Aerosmith – „Music From Another Dimension“


Mit "Music From Another Dimension" pflegen Aerosmith das eigene Markenzeichen.

Mit „Music From Another Dimension“ pflegen Aerosmith das eigene Markenzeichen.

Künstler Aerosmith
Album Music From Another Dimension
Label Columbia
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **1/2

Arjen Robben, Stefan Kießling, Robinho. Ghostbusters, Die unendliche Geschichte, Terminator. Olivia Wilde, Mark Zuckerberg, Scarlett Johansson. Das Space Shuttle, das deutsche Privatfernsehen, das Zénith in Paris. Katie Melua, Avril Lavigne, Katy Perry: Sie alle stammen aus dem Jahr 1984.

Es hilft, sich diese Fakten vor Augen zu führen, um zu verstehen, was Aerosmith ausmacht. Seit 1984 spielt die Band aus Boston in unveränderter Besetzung, insgesamt haben Aerosmith jetzt schon 43 Dienstjahre auf dem Buckel. Das Durchhalten hat sich gelohnt: 150 Millionen verkaufte Platten, vier Grammys und 21 Top40-Hits stehen mittlerweile für sie zu Buche. Nach elf Jahren Pause (und einem saftigen Krach zwischen den beiden Band-Bossen Steven Tyler und Joe Perry) kehren sie nun mit Music From Another Dimension zurück.

Das Album bietet sage und schreibe 25 Gastmusiker auf, von Julian Lennon über den langjährigen Songwriting-Partner Desmond Child bis hin zu einem gewissen Johnny Depp, der bei Freedom Fighter im Hintergrund mitsingt. Trotzdem ist die Platte durch und durch Aerosmith. Und klingt, als hätte Steven Tyler niemals ein Soloprojekt angekündigt und als hätte Joe Perry niemals öffentlich nach einem neuen Sänger für die Band gesucht. Auf dem Bandfoto im Booklet kann man zwar nicht sicher sein, ob die angedeutete Umarmung von Tyler und Perry nicht doch der Versuch des einen ist, den anderen in den Schwitzkasten zu nehmen. Und Tell Me, geschrieben von Bassist Tom Hamilton, kommt zwar als Liebeslied im Walzertakt daher, lässt sich aber auch lesen als ein Appell an die Bandkollegen, sich endlich wieder zu versöhnen. Aber ansonsten gilt hier: business as usual.

Die Frage, wer Aerosmith überhaupt noch braucht, beantworten Steven Tyler, Tom Hamilton, Joey Kramer, Joe Perry und Brad Whitford auf Music From Another Dimension mit einem ziemlich eindeutigem: „Ist uns doch scheißegal.“ Sie ziehen ihr Ding durch, finden ein paar neue Entsprechungen für ihren Markenzeichen-Sound und werden vor allem alte Fans damit beglücken.

Love XXX propagiert zum Beginn die eigene Virilität („love three times a day“ heißt die zentrale Zeile), dazu gibt es reichlich Pomp und Slogans. Auch den Text von Oh Yeah könnte man wunderbar ins Lehrbuch für Rock-Klischees drucken, was aber nicht stört bei einem so klassischen Bluesrock mit ordentlichem Drive und einem reizvollen Frauenchor im Background. What Could Have Been Love ist eine der Balladen, für die man Aerosmith nun einmal auch schätzt, mit Freedom Fighter und Something gibt es auch wieder die zwei üblichen (und wie üblich überflüssigen) „Joe Perry singt“-Lieder.

Out Go The Lights ist beinahe putzig in seinem prototypischen Sound, der mit funky Kuhglocke, einem heavy Riff und einem angeberischen Schlagzeug genauso gut auf Permanent Vacation (1984) wie auf Nine Lives (1997) gepasst hätte. Das ist so sehr die Essenz von Rock’N’Roll wie meinetwegen Primal Scream oder Guns’N’Roses – und gönnt sich zur Feier des Tages (oder des Genres) dann mal eben auch drei Minuten gepflegtes Outro.

Lover Alot startet mit quietschenden Reifen und nimmt auch danach nicht den Fuß vom Gas, der Rausschmeißer Another Last Goodbye ist erstaunlich reduziert, natürlich mit viel Pathos, aber ohne Bombast. Der beste Schmachtfetzen des Albums wird aber We All Fall Down. Eine Minute lang ist der Track richtig aufregend, leider ist der Refrain dann einen Tick zu konventionell und der Schluss zu sehr mit Sirup übergossen, um auch bis zum Schluss ein wirklich großer Song zu bleiben.

Und was ist neu auf Music From Another Dimension? Zuerst fällt da auf: Sänger Steven Tyler ist noch ein bisschen präsenter als sonst. Zehn verschiedene Instrumente werden aufgezählt, wenn im Booklet sein Beitrag zum 15. Aerosmith-Album erklärt wird, von Gitarre über Orgel bis zum Schlagzeug. Ein wenig scheint er seine Solo-Ambitionen hier also doch auszuleben (vor allem in der Selbstbeweihräucherung Legendary Child, die jenseits seines Ego-Trips wenig Daseinsberechtigung hat). Auch auf Street Jesus genießt er es, sich irgendwo zwischen Hippie und Beelzebub zu inszenieren, oder aber, wie er sich selbst beschreibt: „I’m a high stepping lover / sharp as a knife / I’m a pink flamingo / on the great lawn of life.“ Der Song ist mit seinem ambitionierten Text und der komplexen Struktur zwar reichlich wirr, aber immerhin weit jenseits der üblichen Aerosmith-Schablonen.

Gelegentlich gibt es auch sonst dezente Modernisierungen des Sounds: Die Strophe des abstrakten Beautiful könnte man sich gut von den Red Hot Chili Peppers vorstellen. Und mit Can’t Stop Loving You (feat. Carrie Underwood) gibt es erstmals seit Get A Grip (damals Line Up gemeinsam mit Lenny Kravitz) wieder ein offizielles Duett auf einem Aerosmith-Album. Die Kollaboration findet die perfekte Mitte zwischen Powerballade und Country (in dieser Gegend hatten sich einst schon Sheryl Crow und Kid Rock mit Picture getummelt) und wird auch dank seines Killer-Refrains zum besten Lied des Albums.

Bis auf ganz wenige Ausnahmen ist Music From Another Dimension immer mindestens solide, oft genug darf man sich noch wundern über die Kraft, mit der Aerosmith ihren unverkennbaren Sound nach wie vor auf Platte pressen. Natürlich braucht es einen guten Schuss Nostalgie, um diese Musik nach wie vor relevant zu finden. Aber wahrscheinlich halten es Aerosmith einfach mit Martial. Der hat nicht erst 1984, sondern schon vor ungefähr 1984 Jahren gewusst: „Doppelt lebt, wer auch Vergangenes genießt.“

Aerosmith stellen ihr neues Album mit einem Straßengig in Boston vor und lassen sich ein bisschen huldigen:

Homepage von Aerosmith.

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