Alicia Keys – „Girl On Fire“ 2


Künstler Alicia Keys

Neues Selbstbewusstsein, neue Ambitionen - all das merkt man Alicia Keys auf "Girl On Fire" an.

Neues Selbstbewusstsein, neue Ambitionen – all das merkt man Alicia Keys auf „Girl On Fire“ an.

Album Girl On Fire
Label RCA
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

On Fire. Man kann einigermaßen sicher sein, dass Alicia Keys damit nicht zum Ausdruck bringen will, sie stünde in Flammen. Eher zutreffend ist wohl die Bedeutung, die „on fire“ im Sport hat: Für die Reporter, meinetwegen beim Basketball, ist ein Spieler „on fire“, wenn er traumwandlerisch sicher agiert, nicht zu stoppen ist, alles richtig macht. Jeder Schuss ein Treffer, ganz intuitiv. Und genau so fühlt sich Alicia Keys gerade.

„Dieses Album handelt von Neuanfängen und neuen Perspektiven“, sagt die 31-Jährige über Girl On Fire, ihr fünftes Studioalbum. „Wenn man seine eigene, innere Stärke gefunden hat, gibt einem das große Kraft. Man kann sich die ganze Energie, die man nicht mehr benötigt, sparen und übernimmt die komplette Kontrolle über die Art, wie man leben möchte.“ Sie hat allen Grund, das Erreichen dieses Punkts stolz zu feiern: Seit ihrem Durchbruch im Jahr 2001 hat Alicia Keys mehr als 30 Millionen Platten verkauft, 14 Grammys gewonnen und nebenher auch noch erfolgreiche Debüts als Schauspielerin, Regisseurin und Buchautorin gefeiert.

Auf die Idee mit dem Albumtitel kam die New Yorkerin, als ein Journalist sie in einem Interview „girl on fire“ nannte, weil sie es schafft, zugleich Mutter und Pop-Superstar zu sein. „Das ist es! Das beschreibt alles, was ich fühle. Nun muss ich nur noch herausfinden, wie ein ‚girl on fire‘ klingt“, erinnert sich Alicia Keys an diesen Moment.

Die Antwort fand sie wenig später, und daraus wurde der Titelsong des Albums. Mit den Songwritern Jeff Bhasker (Bruno Mars, Jay-Z) und Salaam Remi (Nas, Amy Winehouse, Nelly Furtado) saß sie im Studio, als sie Girl On Fire als Songtitel vorschlug. „Wir spielten also mit dieser Idee – und plötzlich flogen uns die Melodien und der Text einfach so zu, und dann war da plötzlich dieser verrückte Beat. Irgendwann wurde daraus der Refrain. Der Song hatte so einen Rock-Einschlag. Er enthält ein Oldschool-Piano und wird von diesen ‚Hard Ass‘-HipHop-Drums angetrieben. Wir wollten einen fetten und aggressiven Sound… und da schoss es mir in den Kopf: ‚SO klingt ein ‚girl on fire!‘“, umschreibt Alicia Keys die Entstehung des Songs, den es mittlerweile in gleich drei Versionen gibt. Auf dem Album ist die Variante mit Nicki Minaj zu hören, mit einem Monsterbeat, der beinahe 99 Problems in den Schatten stellt, und einem sagenhaft hymnischen Refrain.

„In ‚Girl On Fire’ geht es darum, seine eigene Stimme zu finden, flügge zu werden und seinen Instinkten zu vertrauen“, erklärt Alicia Keys. Es ist ein Thema, das immer wieder präsent ist auf diesem Album. Brand New Me gleich zu Beginn des Albums ist eines dieser Lieder, in denen die New Yorkerin ihre Neuerfindung besingt und die Tatsache, dass sie so etwas wie ihre Mitte gefunden hat. „I’ll never be perfect but at least now I’m brave / And now my heart is open and I can finally breathe / Don’t be mad, it’s just a brand new kind of me”, heißen die zentralen Zeilen.

Geschrieben hat Alicia Keys diesen Song, der am Ende zwar ein massives Schlagzeug verpasst bekommt, bis dahin aber fast nur aus Gesang und Klavier besteht, gemeinsam mit Emeli Sandé, die auch bei zwei anderen Stücken mitwirkte. Not Even The King ist das zweite davon und ähnlich reduziert. Zu ein paar Klavierakkorden singt Alicia Keys vom Gefühl, nur mit Luft und Liebe zufrieden zu sein. Oder aber, wie sie selbst die Thematik umschreibt: „Es geht um das Gefühl, gleichzeitig alles und nichts zu haben.“

Der Rausschmeißer 101 setzt ebenfalls bloß auf Gesang und Piano. Der Track entstand nach einem langen, intensiven Gespräch mit Sandé. Ganz zerbrechlich klingt Alicia Keys darin, wenn sie davon singt, dass sie schon hundertmal verletzt wurde, aber dennoch immer wieder der Katastrophe die Stirn bietet. Sie weiß schon, welch unermesslicher Schmerz da auf sie wartet. Sie weiß aber auch, dass sie ihn überleben wird, vielleicht gestärkt daraus hervorgehen oder gar dieses eine Mal verschont bleiben und ihr Glück finden wird. „Man kann sich nicht verlieben, wenn man Angst davor hat, es zu versuchen. Ich glaube nicht, dass es einen Menschen auf der ganzen Welt gibt, der das Gefühl nicht kennt, wenn man hofft, dass diesmal alles anders ist als all die anderen Male zuvor“, erklärt sie den Ausgangspunkt für 101, und fügt an: „Die kleinste Kleinigkeit aus dem Leben eines Menschen kann sehr inspirierend sein. Auf dem Nachhauseweg, oder dem Rückweg zum Hotel oder wo auch immer ich gerade war, schrieb ich Ideen auf, die auf jenen Dingen basierten, die die Menschen um mich herum erzählten. Ich wollte Songs schreiben, in denen sich jeder wiederfindet, die nicht nur von mir nachempfunden oder verstanden werden können. Songs, die für sich selbst stehen können – so wie das eine tolle Geschichte in einem Film tut.“

Die drei Lieder mit Emeli Sandé gehören nicht nur zu den stärksten auf Girl On Fire. Sie zeigen auch einen neuen Wagemut von Alicia Keys. Auf ihrem fünften Album ist sie offener für Einflüsse von außen als früher, und ihre Fühler streckt sie bis nach London und Jamaika aus. Dort hat sie New Day aufgenommen, das von ihrem Ehemann Swizz Beatz und Dr. Dre produziert wurde. Das Ergebnis ist ebenso kraftvoll wie verspielt und lässt schwer an M.I.A. denken. Auch Limitedless, in dem ein Dancehall-Fundament und eine verlorene Gitarre aufeinander treffen, ist von Jamaika-Sounds beeinflusst.

Die anderen Mitstreiter umfassen etwa Babyface (der an der etwas klischeehaften Latin-Ballade That’s When I Knew mitgeschrieben hat), John Legend (das sinnliche Listen To Your Heart), Maxwell (der in Fire We Make zum Duettpartner wird, einer Funk-Ballade, wie sie Prince oder Mariah Carey vor 20 Jahren gemacht haben) und Frank Ocean (das von ihm mitgeschrieben One Thing bleibt erstaunlich minimalistisch und wird damit sehr sexy).

Die beste Kollaboration jenseits von Emeli Sandé ist Tears Always Win, an dem Bruno Mars mitgewirkt hat. Das Lied klingt, als würde Carole King auf Motown machen. Die Metaphern mögen abgegriffen sein, bekommen aber durch die raue Stimme von Alicia Keys eine unfassbare Glaubwürdigkeit plus eine Extraportion Wärme, Herz und Stil. So klingen moderne Klassiker. Eine Überraschung ist die Mitwirkung von Jamie Smith von The XX. Dessen Produktion verleiht When It’s All Over einen sehr experimentellen Beat in der Strophe und so etwas wie House-Atmosphäre im Refrain. Wenn Pink irgendwann einmal musikalische Ambitionen entwickeln sollte, könnte so etwas dabei herauskommen.

When It’s All Over ist der deutlichste Beweis für die Wandlungsfähigkeit von Alicia Keys und unterstreicht vor allem: Jetzt, wo sie „on fire“ ist, will sie sich mit dem Gewöhnlichen nicht mehr zufrieden geben. Vieles auf dieser Platte strapaziert ganz bewusst die Hörgewohnheiten ihrer Fans, will unbedingt den nächsten Schritt machen. Nicht immer geht das gut, aber auch wenn nicht alle Songs auf Girl On Fire außergewöhnlich sind, so werden sie doch zumindest alle ungewöhnlich.

All das fußt auf einem Selbstvertrauen, das beeindruckend ist. Und ganz ähnlich wie auf dem jüngsten Album von Christina Aguilera geht die Selbsterweckung auch hier damit einher, dass die musikalische Messlatte ein ganzes Stück höher gelegt wird. „Es war ein langer Prozess, meine eigene Freiheit zu finden und mein eigenes Schicksal zu gestalten“, blickt Alicia Keys zurück. „Es kommt eine Zeit, in der man wählen muss, wie man leben möchte. Ich kam an einen Punkt in meinem Leben, an dem sich die Chance bot, alles über Bord zu werfen, was nicht hinein gehörte. Das gab mir nicht nur neuen Mut, sondern auch den Raum, neue Dinge auszuprobieren. Durch dieses Gefühl konnte ich den ganzen Entstehungsprozess und meine Art des Songwritings öffnen – und auf ganz entscheidende Art und Weise auch mich selbst.“

Und ein ganz kleines bisschen ist sie dann doch auf im ganz klassischen Sinne „on fire“, stellt sie klar: „Erfahrung und Zeit machen dich ruhiger. Doch ich bin heute hungriger denn je. In mir braut sich ein Sturm zusammen, den ich so noch nie verspürt habe. Und er ist explosiv.“

Bis hinein in die Videos hat sich der Wagemut von Alicia Keys noch nicht ausgebreitet, wie der Clip zu Girl On Fire beweist:

Homepage von Alicia Keys.


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