Hingehört: Arcade Fire – „The Suburbs“ 9


Mit "The Suburbs" spielen Arcade Fire ein bisschen "Wunderbare Jahre", bloß in düster.

Mit „The Suburbs“ spielen Arcade Fire ein bisschen „Wunderbare Jahre“, bloß in düster.

Künstler Arcade Fire
Album The Suburbs
Label Merge Records
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ****

Meine Damen und Herren, willkommen zum Untergang! Diesmal ist es wirklich schlimm. War auf Funeral noch die dahinsiechende Verwandtschaft schuld am Gram von Arcade Fire und auf Neon Bible dann quasi George W. Bush, so sind es diesmal: die Nachbarn. Also die Umwelt. Also wir alle.

Natürlich ist das keine Überraschung. Arcade Fire sind keine Band für Überraschungen, sondern längst unstrittiger Bestandteil des Kanons jüngerer bedeutender Rockmusik. Frontmann Win Butler ist etabliert als der Hohepriester der Apokalypse, Arcade Fire sind die Überväter der kanadischen Szene, sogar David Bowie ist ein Fan, bla bla bla.

Wenn es so eine Band gibt, bei der die Frage vor dem Erscheinen eines neuen Albums nicht lautet, ob es gut ist, sondern alle lediglich darüber spekulieren, wie gut es sein wird, dann wird diese Band nach und nach zum dankbaren Opfer für alle, die gerne Ikonen zerstören. Man darf gespannt sein, ab wann das bei Arcade Fire versucht wird. Es jetzt zu wagen, wäre freilich absurd. Denn The Suburbs ist nicht nur ein echtes Album (16 höchst abwechslungsreiche Lieder mit mehr als einer Stunde Spielzeit, verschiedene Cover für einzelne Exemplare, ein verhuschtes Outro namens The Suburbs (Continued)), sondern auch schon wieder erschreckend gut. Und sehr düster.

Schon im ersten Lied, dem durchaus beschwingten Titelsong, wird ein Krieg der Vorstädte befürchtet. Der Powerpop von Ready To Start ist mit Blut getränkt, in Rococo bleibt von den Träumen der Jugend nur Asche und Verbitterung übrig, City With No Children thematisiert nicht nur die drohende Entvölkerung, sondern entwirft gleich das Szenario eines Weltkriegs. Wie ein sagenhaft verängstigter Neil Young klingt Win Butler auf Sprawl I (Flatland), in dem er sich an den traurigsten Tag seines Lebens erinnert. Das Musikerdasein macht auch keinen Spaß mehr, wie Month Of May vermuten lässt, in dem Arcade Fire quasi den Punkrock entdecken. Auch Half Light II (No Celebration) hat keinerlei Anlass zur Hoffnung: „When we watched the markets crash / The promises we made were torn.“

Nach dem Trauertaumel von Funeral und der Gesellschaftsanalyse von Neon Bible tragen Arcade Fire den Schrecken nun wieder ins Private – in die Nachbarschaft, die eine Heimat, eine Kindheit, eine Welt repräsentiert, die längst nicht mehr existiert. „Now our lifes are changing fast“ heißt es in We Used To Wait (ausgerechnet zu einem denkbar unmodernen Keyboardsound aus den Anfangstagen der elektronischen Musik) – und das ist keineswegs bloß eine Feststellung, sondern ein Lamento, ein Bangen. Der Reim dazu heißt dann auch: „Hope that something pure can last.“

Modern Man mit seiner lakonischen Gitarre und den irren Taktwechseln und Suburban War, das mit Byrds-Jangle, der Sepia-Erinnerung an Bilder aus der Jugend und ganz viel Sehnsucht am Ende quasi eine akustische Version von Wunderbare Jahre ist, sind die besten Beispiele für diese Entwurzelung, dieses Nichtmehrverstehen, diese Sinnsuche, die nur noch einen Atemzug von einer Revolution, einem Amoklauf oder der bedingungslosen Kapitulation entfernt ist.

Trotzdem gibt es hier auch Hoffnung, ein klein wenig zumindest. Win Butler singt diesmal fast alles allein, es gibt kaum noch Chöre, deutlich weniger Orgel und statt Bombast auch mal reduzierte Momente wie Wasted Hours. Und sogar Schwung, Licht, Erlösung. In Deep Blue steckt zumindest eine Ahnung von Sorglosigkeit. Sprawl II (Mountains Beyond Mountains), in dem man die Stimme von Régine Chassagne beinahe mit dem Wort „Girlie“ in Verbindung bringen möchte, ist dann sogar so etwas wie ein Discohit, wenn auch ein skeptischer.

So wird The Suburbs zum Soundtrack der Endzeit – und zugleich zur Arche Noah für alle, die sich nach einer besseren Zukunft sehnen.

Ein bisschen wie die Strokes ohne Farbe (und mit fiesen Frisuren): Der Clip zu Ready To Start:

Arcade Fire bei MySpace.