Art Brut – „Bang Bang Rock N Roll“ 2


Künstler Art Brut

Art Brut feiern eine Prozession des Pop.

Album Bang Bang Rock N Roll
Label Banana Recordings
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung

Was waren die großen Themen 2005? Man konnte Platten machen über Scheißjobs und Ablenkung (Rakes), Chaos und Erschaffung (Paul McCartney), Lüge und Wahrheit (Oasis), X und Y (Coldplay), den Teufel und die Versuchung (White Stripes). Oder über, ähm, mintgrün und kastanienrot (Franz Ferdinand).

Doch auf diesem Album geht es um etwas ganz anderes. Es geht um die Platte selbst. Es geht um Musik. Es ist eine Prozession des Pop, eine Hochmesse für den Hit. Es geht um Art Brut.

Bang, Bang Rock’N’Roll ist deshalb genau der richtige Titel für diese Platte, auch wenn es zunächst wie ein platter Slogan klingen mag. Und Formed A Band ist natürlich genau der richtige Auftakt. „Look at us / we formed a band“, posaunt Sänger Eddie Argos hinaus, als seien er und seine Mitstreiter schon allein dadurch von Midas berührt, als müssten sich Ruhm, Reichtum und Frauen nun automatisch und postwendend auf sie werfen, als sei dieser Akt der einzige Schlüssel zum Glück. Die Musik dazu klingt kalkuliert unkoordiniert, und eigentlich kann es für diesen Sound nur einen einzigen Bezugspunkt geben: die Sex Pistols. Auch die hatten diese von Selbstreferenzen durchzogene Aggressivität. Und auch heute ist es noch genauso erschreckend, wenn Nerds plötzlich mit (zugegebenermaßen etwas brüchigem) Swagger daherkommen.

Der Schlüssel zum Glück ist dabei natürlich nicht die Bandgründung, sondern der Song. Für den kleinen Bruder, der gerade erst den Rock’n’Roll entdeckt hat und sich nun mit Bootlegs und B-Seiten brüstet (My Little Brother). Für die Kunstliebhaber, die ihre Begeisterung für Matisse nur mit einem beherzten „Wooh!“ formulieren können (Modern Art). Für die Frischverliebten, die offensichtlich so lange einsam waren, dass sie nun mit „I’ve seen her naked, twice!“ angeben müssen (Good Weekend). Für alle, die Velvet Underground einfach nicht mehr aufregend genug finden (Bang Bang Rock’n’Roll). Für alle, die es besonders heroisch finden, sich andauernd mit den viel größeren und stärkeren anzulegen (Fight!). Für alle, die eingesehen haben, dass es keinen Sinn mehr macht, und die das doch unendlich traurig finden (Stand Down). Für alle, denen letztlich der Schein wichtiger ist als das Sein (18000 Lira).

Und für alle, die Art Brut für sich entdecken. Samt dem vollkommen irre machenden Feger Emily Keane (das musikalische Äquivalent von nachts um vier besoffen noch der Ex simsen). Dem Errektionsstörungs-Epos Rusted Guns Of Milan (nicht ganz so gut wie Soft von den Kings Of Leon, aber mit einem tollen „I know I can“-Mantra). Dem packenden Bad Weekend (das mindestens vier doppelte Böden hat). Und dem grandiosen Move To L.A. (das selbst auf Parklife ein Highlight gewesen wäre und außerdem Hennessy auf Morrissey reimt).

Da mögen Teufel und Chaos drohen, Wahrheit und Versuchung locken – das Thema 2005 waren: Art Brut.

Eddie Argos singt Emily Keane, live in Köln, mit Schnauzer.

Art Brut bei MySpace.


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