Hingehört: Ash – „Nu-Clear Sounds“ 2


„Nu-Clear Sounds“ hat nicht viele Freunde, bietet aber bis auf zwei Ausfälle Ash in Bestform.

Künstler Ash
Album Nu-Clear Sounds
Label Infectious Records
Erscheinungsjahr 1998
Bewertung ****1/2

Ganz wenige Bands haben es geschafft, noch einem fast schon perfekten Debüt einen noch besseren Zweitling hinzulegen. Morning Glory natürlich, The Man Who, meinetwegen auch Joyride. Ash schaffen es nicht, aber sie scheitern nur knapp.

Immer noch eine Menge guter Songs, keine Frage. Die besten sind sogar noch besser als die Highlights von 1977. Doch im Gegensatz zu diesem Meisterwerk finden hier leider auch zwei Ausfälle: Während Projects eigentlich alle Ash-Tugenden hat, die sich vortrefflich in der Textzeile „Dark in heaven, baby / that´s for sure“ wiederfinden, aber dennoch nicht richtig funktioniert, fällt Death Trip 21 ganz raus, ist ein mit Effekten aufgeblasener Nicht-Song.

Doch für sowas gibt es die Program-Funktion, und was dann übrig bleibt, ist ganz groß. Beängstigend gut, wenn man bedenkt, dass die Jungens ganze 20 waren, als sie das hier schufen. Diese Stimme. Dieses Gitarrenpicking. Low Ebb nennen sie das, und Honig ist bitter dagegen. Dazu dieses unterschwellig tragische, dekadente, bedrohliche. So schön wie der Stapellauf der Titanic.

Jesus Says hingegen hat nichts Doppeldeutiges, sondern geht schnurstracks geradeaus. Wohin ist egal, Hauptsache schnell. Dass wieder Owen Morris seine Finger am Mischpult hatte, hört man spätestens hier, am Gitarrensound und am Tamburin. Dazu ein „Woohoo.“ Nicht Blur-zynisch, sondern Ash-fröhlich.

Die Message von Wild Surf hat man nach sechs Sekunden verstanden. Come on / yeah come on while we still can. Nicht irgendeine Aussage, sondern die einzig wahre. Dann öffnet sich die Hi-Hat und die Reise geht los. Und zwar zum Strand, im Cabrio, mit Freunden und Bier. Man ist nur einmal jung, Ash wissen das. Und sie machen was draus. The time of your life in 3:26.

Folk Song besticht mit einem ungemein effektiven Schlagzeug, im Refrain brilliert die Gitarre und es klingt wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Wenn mich mal jemand fragen sollte, was Melancholie bedeutet, werde ich ihm dieses Lied vorspielen. In die Idylle bricht dann Numbskull. Nicht nur ein Elefant im Porzellanladen, sondern ungefähr Marylin Manson bei Heidi auf der Alm. Ein KracherStomperBrecherBurner. Das Label von Ash heißt nicht umsonst „Infectious“, hier hört man, warum: Got a beautiful face / Got a fucked up inside / need a shot of your faith / come along for the ride.

Dann hat es sich erstmal wieder mit Krawall und Ash zeigen, was sie auf 1977 mit Lost In You oder auch Oh Yeah schon angedeutet hatten: Sie sind Romantiker, und zwar verdammt gute. Die Balladen sind klar die Highlights von Nu-Clear Sounds. Den Refrain von Burn Out kann man wochenlang hören (und singen), das Gitarrensolo ist ganz groß. Der Refrain von Aphrodite kommt aus einer Liga, in die die meisten anderen Bands nie aufsteigen werden. I don´t know about much, yeah baby / all I know about is desire, baby. Gerade als man denkt, es geht nicht mehr besser, hauen sie dieses Break raus. So tell me what else could I do / instead replacing her with you / so tell me what else coul I be / I found the darkness inside me. Dann spielt Charlotte dieses Solo hintendran, für das man sie küssen möchte. Falls man das nicht sowieso schon längst will. Bei Fortune Teller kann man dann wieder auf laut drehen. Rüde, wütend, kühn. Definitely Maybe lässt grüßen.

Den besten Song haben sie sich aber für den Schluss aufgehoben. Man kann zu I´m Gonna Fall auch gerne Sahnestück sagen, denn es ist schlicht perfekt. Und es hat die beste Textzeile, mit der ein Album-Rausschmeißer überhaupt anfangen kann: This is a beginning / although this is an end. Das Schlagzeug setzt ein, es spielt keinen Ton zu viel und dann haut Tim Wheeler mit seiner saubersten Schönschreib-Stimme diese Zeilen für die Ewigkeit raus. Something in your glances / puts a spell on me / as the world fades all around / you´re all that I can see.

Ohne Wellen, aber mit vielen Fernsehern: Das Video zu Wild Surf:

Ash bei MySpace.


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