Hingehört: Badly Drawn Boy – „It’s What I’m Thinking Pt. 1 – Photographing Snowflakes“


Auf "It's What I'm Thinking" feiert Badly Drawn Boy seine Unabhängigkeit.

Auf "It's What I'm Thinking" feiert Badly Drawn Boy seine Unabhängigkeit.

Künstler Badly Drawn Boy
Album It’s What I’m Thinking Pt. 1 – Photographing Snowflakes
Label Twisted Nerve
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***

Es gab einmal eine Zeit, da galt Damon Gough als die Inkarnation von Indie. Diese Zeit ist ziemlich genau zehn Jahre her. Damals hatte er als Badly Drawn Boy gerade den Mercury Music Prize für sein Debütalbum The Hour Of The Bewilderbeast gewonnen. Ohne Marketing, auf seinem eigenen Label und trotz einer ziemlich dämlichen Strickmütze, die später ausgerechnet DJ Ötzi zum Trend machen sollte.

Morgen erscheint das neue Album von Badly Drawn Boy, und auch darauf ist Gough ganz und gar Indie. Schließlich bedeutet dieses Wort in voller Länge „Unabhängigkeit“ – und die wird hier vom Badly Drawn Boy in jedem Moment gefeiert, eingefordert und vorgelebt.

Da ist zunächst das Konzept. It’s What I’m Thinking ist als Trilogie angelegt, mit der Gough dem kreativen Rausch Herr werden will, der ihn nach der Arbeit am Soundtrack von The Fattest Man In Britain befallen hat. Wie es einst Bob Dylan oder Neil Young gemacht haben, will Gough für diese und die nächsten beiden Platten einfach aufnehmen, wenn es ihm passt und so spontan einfangen, was ihm gerade durch den Kopf geht.

Außerdem gibt es auf It’s What I’m Thinking – Photographing Snowflakes eine musikalische Abenteuerlust, die ihresgleichen sucht. Nach dem Ende seiner Major-Label-Karriere erlaubt sich Badly Drawn Boy in knapp 45 Minuten Ausflüge in jazzige Gefilde (I Saw You Walk Away, das an The Beautiful South denken lässt), in Richtung Country (der Titelsong kommt stilecht mit Slide-Gitarre daher), mitten hinein in die Motown-Glanzzeit (Too Many Miracles) und wagt sich gar an so etwas Ähnliches wie Klassik, wenn in  What Tomorrow Brings am Ende Streicher, Pauken und Klavier ihr famoses Zusammenspiel entwickeln.

Andere Experimente sind nicht ganz so offensichtlich. The Order Of Things kann (und will) nicht eine Sekunde lang leugnen, dass es nichts anderes als ein wunderhübscher Folksong ist – doch im Hintergrund werden Breakbeats angedeutet. In This Electric (Gough nennt den Song ganz passend „meinen HipHop-Versuch, nicht wegen der Raps, sondern wegen der Attitüde“) haben sich karibische Bongos, in den Rausschmeißer This Beautiful Idea sogar reichlich fiese Keyboards eingeschlichen.

Vor allem aber wird der neue Wille zur Unabhängigkeit bei Badly Drawn Boy in den Texten deutlich. Das ganze Album wimmelt so sehr vor Appellen, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen, sich nicht mit Kompromissen zufrieden zu geben, dass man fast meinen könnte, Gough rufe hier zur Revolution auf – perfiderweise mit einer Eleganz, die sonst höchstens Morrissey oder Crowded House so lässig erreichen und mit einer Stimme, die so einschmeichelnd sein kann wie die von Paul Young und so weise klingt wie die von Paul Heaton. „Sometimes it’s good / to re-arrange the order of things.“ „The future is all in our hands.“ „If I don’t crucify myself / somebody will / if I don’t do things myself / nobody will.“ „The guests at the funeral / are forming a new world.“

Auch ganz am Anfang, im verhuschten Opener In Safe Hands schält sich die Botschaft durch einen Schleier aus Hall: „Allow yourself to be free.“ Das ist hier keine Aufforderung, sondern eine Einladung. Gough hat erkannt, zu was er im Stande ist, welche Möglichkeiten sich ihm bieten, und er macht sich auf Photographing Snowflakes daran, sie zu nutzen.

Das putzige Video zu Too Many Miracles führt vor Augen, wie Phil Spector sich wohl sprechende Bäume vorstellen würde:

Badly Drawn Boy bei MySpace.

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