Hingehört: Beady Eye – „BE“


Beady Eye entwickeln sich auf "BE" deutlich weiter. Leider in die falsche Richtung.

Beady Eye entwickeln sich auf „BE“ deutlich weiter. Leider in die falsche Richtung.

Künstler Beady Eye
Album BE
Label Sony
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Dave Sitek! Dave Sitek! Dave Sitek! Eine Menge Aufhebens wurde gemacht um die Tatsache, dass der Ex-TV-On-The-Radio-Mann das zweite Album von Beady Eye produziert. In der Tat ist die Wahl eine Überraschung: Sitek war bisher eher der Avantgarde im Rockgeschäft zugeneigt (Foals, Yeah Yeah Yeahs), nicht den Traditionalisten.

„Mit Sitek zu arbeiten, hat uns eine neue Welt eröffnet. Er ist ohne Zweifel der beste Produzent, mit dem ich jemals gearbeitet habe, ein richtiger Outlaw – er schert sich einfach einen Dreck um Regeln“, schwärmt Liam Gallagher über die Zusammenarbeit. Der Produzentenmeister selbst erklärt, er habe mit den Songs auf BE „richtig herumspielen können. Die Instrumentierung ist die einer Rockband, die allerdings ganz anders zum Einsatz gebracht wird.“ Sein Einfluss auf BE ist in der Tat unüberhörbar. Er hat Beady Eye nicht zur Avantgarde gemacht, aber wohl eine entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass sich der Noel-lose Rest von Oasis im Vergleich zum Debüt Different Gear, Still Speeding deutlich weiterentwickelt hat.

Schon Flick Of The Finger beweist das. Es gibt ein denkbar simples Schlagzeug (Mucky Fingers lässt grüßen), dann Bläser à la Live And Let Die, später sogar ein Sample aus einem Theaterstück. Das ist definitiv überraschend und in jedem Fall interessant. Es offenbart aber auch schon das Problem von BE: Es sind hier nur die Tricks der Produktion, die das Lied davor bewahren, vollkommen langweilig zu sein.

„Come on“, singt Liam Gallagher am Beginn der zweiten Strophe. Aber diese Worte haben nichts von der Kraft, die einst in seiner Stimme steckte. Dieses „Come on“ klingt nicht nach Gift und Galle. Es klingt nicht, als wäre er der Anführer einer aggressiven, aufsässigen, ultracoolen Gang. Sondern so, als würde er auf dem Sofa sitzen und es nebenher ins Mikro raspeln. Es folgen später noch vier andere Lieder, in denen die Aufforderung „come on“ vorkommt. Aber nirgends wirkt sie glaubwürdig, sexy oder gar aufstachelnd.

In Second Bite Of The Apple (das ebenfalls auf Bläser und Percussion-Hokuspokus setzt, aber kaum Substanz hat) wirkt das „come on“ vollkommen unglaubwürdig. In Iz Rite kommt es wie ein Manierismus daher, sodass man sich beinahe wünscht, dieser Mann hätte niemals in seinem Leben von der Existenz der Beatles erfahren. Inmitten des unkoordinierten Shine A Light (wilde Drums treffen auf ein Flötensolo, eine Pinball Wizzard-Gitarre auf Synthesizer) geht das „come on“ beinahe unter. Das „Come on“ in I’m Just Saying ist vollkommen beiläufig, und auch den programmatisch gemeinten Zeilen „I’m feeling fine / this is my time to shine“ fehlte jede Magie, jeder Funke von etwas Besonderem. Nie hätte man gedacht, dass man sich an dieser Stimme einmal satt hören könnte. Doch spätestens in diesem Moment tritt dieser Effekt ein.

Es gibt auch reichlich andere Imperative auf diesem Album, und es gibt weitere Stellen mit dem Versuch, Enthusiasmus zu verbreiten. „Let’s go“ lautet eine Aufforderung in Ballroom Figured, einem von vielen Songs auf einem Niveau, das bei Oasis mit etwas Glück für eine B-Seite hätte reichen können. Aber wen meint dieses „Let’s go“ und wohin soll man dieser Stimme folgen? Man weiß nur: auf jeden Fall wird nicht, wie in den seligen Tagen von Oasis, die ganze Welt angesprochen, und es meint als Ziel auch keinen sonderlich aufregenden Ort.

Das „yeah, yeah, yeah“ in Start Anew, dem besten Lied der Platte, ist noch so ein Fall. Auch diese Wörter singt Liam Gallagher bloß wie ein Klischee. „Liams Gesang ist unglaublich, man muss lediglich das Mikrofon anmachen und denkt nur noch: ‚Das klingt ja wie auf Platte!’“, sagt Dave Sitek. Doch da hat er sich blenden lassen vom Mythos dieser Stimme. Genau im Gesang liegt das Kernproblem von BE. Liam Gallagher gefällt sich hörbar zu sehr in dem, was er tut, statt es allen (und vor allem dem großen Bruder) beweisen zu wollen. Er klingt satt und genügsam, manchmal beinahe gelangweilt von sich selbst, wie ein fetter Elvis. Sitek lässt ihn so klingen – und er beraubt die Band damit ihrer größten Stärke.

Freilich gibt es noch andere Probleme bei Beady Eye. Soul Love ist solide, aber mehr als fünf Minuten lang, obwohl die Band schon nach zwei Minuten keine neue Idee für den Track mehr hat. Auch dem akustischen Don’t Brother Me (7:37 Minuten) würde nichts fehlen, wenn es nur halb so lang wäre oder sogar nur ein Drittel oder ein Viertel seiner Spielzeit beanspruchte. Das ähnlich gelagerte Soon Come Tomorrow ist hübsch, aber es gibt einfach zu viele dieser harmlosen, belanglosen, zahnlosen Lieder auf dieser Platte.

Face The Crowd ist der einzige Song auf BE, in dem so etwas wie Aufregung und Gefahr steckt (auch wenn man bei dem Wah-Wah-Gitarrensolo am Ende ausgerechnet an Kula Shaker denken muss). Ein krachiges Riff macht den Anfang, doch dann sorgen der psychedelische Gesang und das verschachtelte Schlagzeug dafür, dass daraus doch kein straighter Rocker wird.

Beady Eye verhielten sich zu Oasis wie die Foo Fighters zu Nirvana, hatte mir die Band nach dem Debütalbum im Interview erzählt. Man habe einen Teil des Publikums übernommen, aber man sei eine eigenständige, neue Band, die sich ein neues, eigenes Publikum erspielt und neuen, eigenständigen Erfolg haben wird – das war die Strategie für Liam Gallagher, Andy Bell, Gem Archer, Chris Sharrock und Jay Mehler. BE enthält so viel kreuzbraves Muckertum, schlechte Texte und pure Langeweile, dass man eher sagen muss: Beady Eye verhalten sich zu Oasis wie die Wings zu den Beatles.

Das Video zu Flick Of The Finger hat wohl in erster Linie das Ziel, nicht von der Musik abzulenken:

Homepage von Beady Eye.

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