Belle And Sebastian – „Push Barman To Open Old Wounds“ 4


Künstler Belle And Sebastian

Der süße Hauch der Nostalgie duchweht das Album.

Album Push Barman To Open Old Wounds
Label Jeepster
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung

Dieses Album ist vor zwei Jahren erschienen. Doch die Musik darauf ist viel älter. „Natürlich“, stöhnen jetzt die Insider. „Es ist ja eine Sammlung der EPs von Belle And Sebastian aus den Jahren 1997 bis 2001.“ Klugscheißer! Diese Musik ist noch älter. Es ist, um genau zu sein, Musik aus den Wunderbaren Jahren.

Denn die Lieder von Belle And Sebastian funktionieren genau wie diese grandiose Fernsehserie. Es geht vordergründig um kleine Anekdoten aus der Kindheit, um ein zerbrochenes Lieblingsspielzeug, das Ausbüxen trotz Hausarrest oder die Prügelei mit der Tochter vom Klassenlehrer. Doch in Wirklichkeit geht es natürlich um die großen Dramen des Lebens, um Verlust und Scheitern und um kleine, unvergessliche Momente eines allumfassenden Glücks.

Genau wie bei Wunderbare Jahre, wird dies alles erzählt aus einer seltsamen Art von Retrospektive, die dem Ganzen nicht nur einen süßen Hauch von schmunzelnder Nostalgie und Wehmut verleiht, sondern durch die vorgebliche Distanz und Unbeteiligtheit auch enorm weise wirkt. Weil der Erzähler weiß, hier wie da: Dies sind die schönsten Geschichten. Weil wir alle sie kennen, weil wir alle mitfühlen können. Und weil wir wissen, dass in den kleinen Episoden die großen Tragödien stecken.

„When I was a boy“ heißt denn auch die erste Zeile im ersten Song Dog On Wheels, in dem all der Schwung, all die Hoffnung und all die Trübsal eines ganzen Dorfs aus Mexiko steckt. Auch sonst wimmelt es vor Verweisen auf die Vergangenheit, die im Rückblick natürlich immer spannender, glücklicher und bedeutender wirkt, als sie es damals wirklich war. Gleich ins Jahr 1975 führt uns The State That I Am In (grandios auch hier der Einstieg: „I was surprised, I was happy for a day in 1975“), und noch weiter zurück die Ästhetik der EP-Cover: Sepia-Töne, Pop-Art, Fifties-Schwarzweiß und Siebziger-Kuschel-Look: Alles blickt hier zurück.

So steckt auch in Liedern wie A Century Of Fakers oder Marx And Engels all das Leiden an der Moderne – oder in Photo Jenny all die angebliche Unschuld längst vergangener Tage, als die Wünsche noch klein waren und kuschelnde Mädchen ein Skandal.

Im unfassbar guten Belle And Sebastian (natürlich eine Geschichte über tragisch endende Jugendliebe) wird das Feststecken in den Träumen und Traumata der Kindheit sogar thematisiert. „Oh Sebastian wrote his diary that / He would never be young again / But you will / Fellow, you are ill.“ Dazu die Musik: Simon & Garfunkel spielen Motown. Mit Dave Grohl am Schlagzeug. Und einem Flötensolo.

Auch sonst: diese Klänge! Lazy Painter Jane schafft es, gerade durch das Fehlen von Präzision enorme Dynamik zu entwickeln. Das erschütternde You Made Me Forget My Dreams vereint eine Steel-Gitarre mit einem kleinen Abba-Zitat. Über Gitarrenjangle und eine Orgel, von der Brian Wilson geträumt haben muss, wird in A Century Of Elvis eine Kurzgeschichte erzählt. So ähnlich wie Le Pastie de la Bourgeoisie würde wohl Jonathan Richman klingen (noch so einer, der sich energisch weigert, das Kindsein zu vergessen), wenn er Bibliothekar wäre.

Die schlicht perfekte Selbst-Reflexion This Is Just A Modern Rock Song steckt voller Witz und subtilem Drive und melodiöser Perfektion. Die edle Melancholie von I Know Where The Summer Goes hätte Burt Bacharach zur Ehre gereicht. Legal Man lässt einen Sitar-Lehrer eine Orgie mit einem ganzen Mädchenpensionat feiern. Und I’m Waking Up To Us ist, wie so vieles hier, ein Traum, der gegen die eigene Verbitterung ankämpft. Und zum Heulen schön.

Reißt die alten Wunden auf! Sie sind alles, was wir haben.

Sogar in Wunderbare Jahre-Ästhetik: Der Clip zu Lazy Painter Jane:

Belle And Sebastian bei MySpace.


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