Belle And Sebastian – „The Life Pursuit“ 3


Künstler Belle And Sebastian

„The Life Pursuit“: Selbstmitleid is over.

Album The Life Pursuit
Label Rough Trade
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung

Das Leben ist schön. Wie im Film von Roberto Benigni, in dem ein Vater versucht, den Schrecken des Konzentrationslagers vor seinem Sohn zu verbergen, so funktioniert mittlerweile auch die Musik von Belle And Sebastian: Eigentlich ist alles scheiße, aber es hilft ja nichts.

Früher ließen sie sich schon einmal in Selbstmitleid (zer)gehen oder vertonten untröstliche, verdrießliche Trauerklöße. Auch heute haben die Texte oft noch die Perspektive des Verlierers und Außenseiters, doch lugt inzwischen überall nicht nur Hoffnung, sondern sogar Frohmut hervor. Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass die Guten am Ende doch immer gewinnen, die sie zu dieser neuen Zuversicht gebracht hat. Vielleicht wird dieser Optimismus auch gestützt von der Tatsache, dass die einstigen Indie-Helden längst ein Massenpublikum (und mit ihm die materielle Sorglosigkeit) erschlossen haben.

Das liegt natürlich zum Teil am Siegeszug des Schrägen, aber vor allem daran, dass Belle And Sebastian die Schönheit ihrer Songs nicht mehr zu verbergen suchen. Produzent Trevor Horn war es beim letzten Album Dear Catastrophe Waitress, der den Stücken den nötigen Glanz verlieh. Diesmal ist Tony Hoffer für die Produktion verantwortlich, und er verfährt ganz ähnlich.

Der Auftakt Act Of The Apostle ist deshalb kein weiteres verschlurftes guter-Träumer-in-der-bösen-Schule-Stück, sondern eine Art zurückgenommener Motown, mit durchaus zupackendem Groove. Another Sunny Day ist so heiter und aufmunternd, dass es gar keinen Refrain braucht; ein Song voller Sommer und Cabrio und Federball.

The White Collar Boy mit seiner Call-and-Response-Strophe und dem Glamrock-Schlagzeug wird gar zur Hymne, beinahe zu einem Schlachtgesang. The Blues Are Still Blue ist ebenfalls erstaunlich muskulös und funky. Sukie In The Graveyard könnte gar der Soundtrack zu einer ziemlich überdrehten Zeichentrickserie sein. To Be Myself Completely besticht mit Girlgroup-Flair, Streichern und einem filigranen Piano. For The Prize Of A Cup Of Tea ist mit Flöten und Bläsern so schön, dass es schwindlig macht. Das Stalking-Fest Funny Little Frog ist fast schon ein bisschen zu plakativ und eingängig.

Der unfassbar viel Klasse ausstrahlende Rausschmeißer Mornington Crescent (über eine nicht mehr genutzte U-Bahn-Station in London) und Act Of The Apostle II (eigentlich war die Platte als Doppelalbum konzipiert) haben wieder die von früher bekannte Passivität, diese Mischung aus Sehnsucht nach Abenteuer und unüberwindbarer Trägheit: „The girls are singing about my life / but they’re not here, they’ve got the wild life.“

Auch Dress Up In You ist eine Erinnerung an die alten Belle And Sebastian. „You got lucky, you ain’t talking to me now“, trauert Sänger Stuart Murdoch da einer alten Freundin nach, die nun eine berühmte Schauspielerin ist. Wie früher ist es eine Verlierer-Ballade, voller Wut und Stolz, und dem Ausruf „So fuck them, too!“, der noch nirgends so elegant geklungen haben dürfte. Wieder haben es die anderen geschafft, und man selbst bleibt zurück. Vielleicht, weil man Pech gehabt hat oder nicht die nötige Entschlossenheit. Oder nicht die Unanständigkeit und die Ellenbogen. Eigentlich verdammt schön zu wissen, dass Belle And Sebastian es trotzdem geschafft haben.

Heiter und verspielt: Das Video zu Funny Little Frog:

Belle And Sebastian bei MySpace.


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