Hingehört: Belle And Sebastian – „Tigermilk“ 1


Belle And Sebastian sind ebenso altmodisch wie einmalig.

Künstler Belle and Sebastian
Album Tigermilk
Label Jeepster
Erscheinungsjahr 1996
Bewertung ****1/2

Belle and Sebastian sind ein einziger Anachronismus. In Zeiten, in denen Hollywood die Medien dominiert, benennen sie sich nach einer französischen (!) Fernsehserie aus den frühen Siebzigern. In Zeiten, in denen Bands von TV-Sendern zusammengecastet werden oder sich höchstens im Internet kennen lernen, denken (!) sie sich eine wunderbar altmodische Entstehungsgeschichte aus. Von Sebastian, dem verwirrten Einzelgänger, der eigentlich eine One-Man-Band sein will, aber dann doch per Zettel im Supermarkt (!) nach Mitstreitern sucht. Von Belle, der hübschen Träumerin, die ihn dabei beobachtet und ihn dann an der Bushaltestelle (!) anspricht. Und von den anderen sechs, die in einer Kneipe (!) dazustoßen.

In Zeiten, in denen man ohne Marketingetat und Videoclip eigentlich gar keine Platten verkaufen kann, nehmen sie einfach ein paar schöne Lieder auf, finden eine Firma, die sich für diese schönen Lieder begeistert (!) und sie veröffentlicht, und plötzlich sogar erstaunlich viele Liebhaber, die ihre schönen Lieder kaufen. In Zeiten, in denen Popstars ihr Babys live auf MTV gebären, machen sie ein Geheimnis aus ihrer Identität. Man kann sich glücklich schätzen, wenn man jemals ein Foto von ihnen zu Gesicht bekommt.

Die Musik dazu ist genauso einmalig, genauso altmodisch – in der Summe also klassisch. Gitarren, Orgeln, Streicher, Bläser – und Texte, die Lyrik sind. „My brother had confessed that he was gay / it took the heat off me for a while“, heißt es im Opener The State I Am In, in dem wir Sebastian kennen lernen, den verwirrten Einzelgänger. In Expectations stellt er uns dann Belle vor, die hübsche Träumerin, die gerne „lifesize models of the Velvet Underground in clay“ machen würde. Dazu werden die Carpenters zitiert, und somit sind die Koordinaten schnell festgelegt. Folk ist dies, mit Melodien in höchster Vollendung – und abgründig tief.

So geht es weiter, wissend, dass die kleinen Tragödien doch die größten und die Zeiten hart sind. „Monochrome in the 1990s / you go disco and I´ll go my way“, heißt es in Electronic Renaissance, dem Stück, das angesichts seiner Instrumentierung (Sequenzer, Computerbeats) herausfällt, aber doch die bei Belle And Sebastian alles vereinende Eigenschaft hat: Seele.

Fast unerträglich viel davon steckt in We Rule The School, mit Klavier und Geige, sogar einer barocken Flöteneinlage und Cemballo. „Do something pretty while you can“, beginnt der Refrain – und Belle And Sebastian tun es einfach. Mit dem Trompetensolo im gar nicht statischen My Wandering Days Are Over. Mit Strophen wie „I don´t love anything / not even christmas / especially not that / I don´t love anything“ in I Don´t Love Anyone. Oder mit dem Intro und dem verschlafenen Background-Gesang in Mary Jo.

Ich höre diese Platte übrigens gerade am Strand. Das Meer rauscht, die Sonne strahlt, Kinder bauen Sandburgen, Großväter lassen Drachen steigen und die Möwen gehen ihrem Möwendasein nach. Manchmal ist das Leben richtig schön. Sogar in Zeiten wie diesen.

Der äußert zärtliche Clip zu The State I Am In:

Belle And Sebastian bei MySpace.


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