Hingehört: Ben Harper – „By My Side“


Seine liebsten Balladen versammelt Ben Harper auf "By My Side".

Seine liebsten Balladen versammelt Ben Harper auf „By My Side“.

Künstler Ben Harper
Album By My Side
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Was haben wie Ringo Starr, seit seinem Job in der berühmtesten Band aller Zeiten eine lebende Schlagzeuglegende, Tom Morello, Gitarrentausendsassa bei den Brachialagitatoren von Rage Against The Machine, und Jack Johnson, die Verkörperung von Lagerfeuer, Sandstrand und Flaschenbier, gemeinsam? Sie alle haben schon mit Ben Harper musiziert.

Die Vielseitigkeit ist eine der größten Stärken des zweifachen Grammy-Gewinners. Da mag es erstaunen, dass Ben Harper nun mit By My Side ein Album herausbringt, das nur Balladen enthält (und zwar die seiner Ansicht besten aus seiner 20-jährigen Karriere, ergänzt um einen neuen Song). Doch nur auf den ersten Blick. Denn zum einen zählen nun einmal auch Balladen zu den größten Stärken des 43-Jährigen. Zum anderen beweist auch By My Side, wie mühelos Harper den verschiedensten Genres seinen Stempel aufdrücken kann.

Er hat die Nonchalance von Bob Dylan drauf wie in Diamonds On The Inside, in dem ganz viel Klasse, Wärme und Wehmut steckt. Er beherrscht Würde, Ernst und Aufrichtigekit von Johnny Cash (Feel Love). Er nimmt manchmal Michael Kiwanuka vorweg (In The Colors) oder ist in Beloved One so innig und intensiv wie die Orgel-/Klavierballaden von Neil Young – der Text führt hier vor Augen, dass zum Lieben auch ein Körper gehört, aber die Musik ist trotzdem fast nur ein Flackern und Oszillieren. Orgel und Bass im Titelsong sind funky, dazu gibt es einen Refrain, in den man sich hineinschmiegen möchte, und tolle Zeilen wie diese: „There’s no love like lost love / no pain like a broken heart / There’s no love like you and me / and no loss like us apart.“

Überhaupt: diese Texte! Eine famose Stimme wie die von Ben Harper könnte auch seichte Banalitäten reizvoll klingen lassen, doch damit gibt er sich längst nicht zufrieden. Not Fire Not Ice beispielsweise ist eine hoch poetische Liebeserklärung ohne das geringste Interesse an einer Hintertür. Harper singt so echt über die Liebe, dass man nur wünschen kann, selbst irgendwann auch mal so etwas empfinden zu dürfen – oder womöglich gar jemanden zu treffen, der so für einen selbst fühlt.

Der neue Song Crazy Amazing wird abstrakt bis psychedelisch und braucht nur fünf Zeilen Text für eine ganz ähnliche Botschaft. Auch Forever ist famos romantisch. „Diesmal meine ich es wirklich, wirklich, wirklich ernst“, lautet Ben Harpers Schwur, und damit zeigt das Lied ebenfalls, dass die Liebe nur dann erfüllend ist, wenn sie absolut ist. Zur Gitarre und ein paar Percussions singt Ben Harper zart, schmeichelnd und mit einem sehr attraktiven Rest von Zurückhaltung.

Diese Taktik funktioniert auch in Gold To Me perfekt: Der Track wird erstaunlich sexy im Sinne von Roachford, hat in seiner Verführungskraft aber auch eine nicht zu leugnende Unschuld genau da, wo man beispielsweise bei Lenny Kravitz stets vermuten würde, dass er in Wirklichkeit gar kein lieber Kerl ist, sondern eine Drecksau. Der schönste Moment der Platte ist Happy Everafter In Your Eyes, in dem alles bloß gestreichelt wird: das Fell der Snare Drum, die Tasten des Klaviers, die Saiten des Bass – und jede geschundene Seele dieser Welt.

Für eine Compilation klingt By My Side erstaunlich rund, es gibt keine Brüche und einen sehr tragfähigen Spannungsbogen. Wiederholt erklingen tolle Soli, ohne dass einer der Instrumentalisten es nötig hätte, zu prahlen. Und immer wieder beeindrucken die emotionale Kraft der Stimme von Ben Harper und die schlichte Klasse seiner Songs, vor allem wenn er – wie in Waiting On An Angel oder Morning Yearning – fast nur auf Gitarre und Gesang setzt. Es gibt auf By My Side keine versteckten Dimensionen. Man versteht diese Lieder voll und ganz, wenn man sie zum ersten Mal hört. Und trotzdem kann man sich nicht an ihnen satt hören.

Ben Harper singt Happy Everafter In Your Eyes live:

Homepage von Ben Harper.

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