Hingehört: Ben Harper – „Give Till It’s Gone“ 1


Ben Harper legt auf "Give Till It's Gone" alle Wunden offen.

Ben Harper legt auf „Give Till It’s Gone“ alle Wunden offen.

Künstler Ben Harper
Album Give Till It’s Gone
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

„I need to change/I don’t know how“, singt Ben Harper gleich in Don’t Give Up On Me Now, dem ersten Stück seines neuen Albums Give Till It’s Gone. Gleich in dreifacher Hinsicht ist das typisch für den elften Longplayer des Kaliforniers.

Erstens zeigt es, dass der zweifache Grammy-Gewinner hier in seinen Texten so offen und selbstkritisch ist wie selten zuvor. „Ein ehrlicheres musikalisches Statement hätte ich nicht ablegen können“, bestätigt Ben Harper auch gerne selbst diesen Willen zur Aufrichtigkeit.

Zweitens deutet er bereits an, dass er diesmal eine neue, unverbrauchte Herangehensweise gesucht hat: „Ich wollte einen frischen Sound erschaffen, der sich gleichzeitig noch direkt auf das Feeling von allem bezieht, was ich jemals gemacht habe.“

Und genau das führt zum dritten Punkt: Trotz all der Schrauben, die hier verstellt wurden, bleibt Give Till It’s Gone doch durch und durch traditioneller Rock bester amerikanischer Prägung. Das besagte Don’t Give Up On Me Now könnte deshalb problemlos einem Tom-Petty-Album aus den Siebzigern entsprungen sein. Das wuchtige Clearly Severly klingt wie ein Outtake von Pearl Jam, circa 1995. Lenny Kravitz hätte ein paar Jahre zuvor definitiv nichts gegen Waiting On A Sign gehabt, funky und sexy. Und das direkt darauf folgende Dirty Little Lover würde sicher die Red Hot Chili Peppers glücklich machen.

Manchmal klingt die Historie auf Give Till It’s Gone nicht nur an, sondern ist leibhaftig präsent. Jackson Browne singt beim zauberhaften Pray That Our Love Sees The Dawn mit. Das hymnische Rock’N’Roll Is Free ist nicht nur auf den ersten Blick von Neil Young inspiriert. Ben Harper spielte unlängst in dessen Vorprogramm und wurde danach schlicht übermannt von der Inspiration. „Neil sang Rockin’ In The Free World und meine Gedanken tauchten in eine Art Tunnel ab. Ich hörte nur noch ‘rock, free, rock, free’. Als ich wieder in meinem Zimmer war, schrieb ich den kompletten Song.“

Das markante Drum-Intro von Spilling Faith spielt ein gewisser Ringo Starr. Seine Performance begeisterte Ben Harper und seine Mitstreiter so sehr, dass sie gleich noch eine Jam-Session dranhängten, aus der das direkt folgende Get There From Here wurde. Am Ende des Instrumentals hört man Ringo lachen und völlig zu Recht feststellen: „The song is like half a minute long, and the fade is an hour!“ Natürlich ist das überflüssig – aber man kann verstehen, dass Ben Harper keine Sekunde der Aufnahmen mit den Beatles-Schlagzeuger vergeuden will.

Das Gute an Give Till It’s Gone ist, dass dieses Star-Aufgebot (bis auf diese Ausnahme) dem Album niemals die Persönlichkeit raubt. Die Musik von Ben Harper hat hier zwar eine gewisse (und gewollte) Allgemeingültigkeit und an einigen Stellen einen Hang zum Muckertum, die Texte aber könnten nicht persönlicher und eindringlicher sein. „Es sind ein paar Songs darauf wo ich mir genau überlegen musste, ob ich sie wirklich veröffentlichen will“, gesteht der 41-Jährige.

I Will Not Be Broken legt all seinen Schmerz in ein infernalisches Gitarren-Feedback. Im beschaulichen Feel Love liegen ebenfalls alle Wunden offen: „I’ve given up / I’ve given in / I’ve given out / and back again“, lautet die Selbsterkenntnis, die den hier beklagten Verlust doch kein bisschen erträglicher macht. Diese immer wieder auftauchende, an Selbstgeißelung grenzende Introspektion ist es, die aus Give Till It’s Gone mehr macht als nur solides Handwerk. Im ersten Song steckt auch dazu schon der Schlüssel, wenn Ben Harper singt: „It’s not what we do / It’s what we do with what we feel.“

Ben Harper spielt Don’t Give Up On Me Now live in Mailand:

Ben Harper bei MySpace.


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