Hingehört: Bob Dylan – „Blood On The Tracks“ 2


„Blood On The Tracks“ zeigt Bob Dylan zerrissen von der eigenen Freiheit.

Künstler Bob Dylan
Album Blood On The Tracks
Label Columbia
Erscheinungsjahr 1975
Bewertung ****1/2

„I cannot understand how people can enjoy such pain“, hat Bob Dylan einmal über Blood On The Tracks gesagt und damit gleich formuliert, was dieser Platte so unbarmherzig seinen Stempel aufdrückt: der Schmerz. Hinter Dylan lagen gerade die erste Tour seit sieben Jahren und die Trennung von Ehefrau Sara.

Der Erfolg der Konzerte, die künstlerische Selbstbestätigung, und die persönliche Niederlage, der Zwang zum Neubeginn, prägen Blood On The Tracks. Für die Village Voice ist „die ganze Platte der furchtbare Schrei eines Mannes, der von seiner eigenen Freiheit zerrissen wird.“ Da ist eine Menge dran.

Der Sound ist zunächst etwas ungewöhnlich, klinischer als auf seinen letzten Großtaten. Sogar die Stimme klingt etwas sauberer. Nur die Mundharmonika ist schief wie eh und je, und natürlich die Stimmung. „We drove that car as far as we could“ singt Dylan im ersten Stück, gibt den alten Hobo und findet als einzige Konstante, dass er Tangled Up In Blue ist.

Wunderbar subtil umgarnen sich Gitarre und Bass in Simple Twist Of Fate. Dylan möchte so gerne gelassen und schicksalsergeben sein, aber er sein Stolz zwingt ihn, doch dagegen anzukämpfen. Dieses Spannungsverhältnis ist allgegenwärtig. Auch in You’re A Big Girl Now gibt er erst am Schluss auf (und den Schmerz zu): „I’m going out of my mind / (…) ever since we’ve been apart.“ Im gemeingefährlichen Idiot Wind taucht es wieder auf: „It was gravity which pulled us down / and destiny which broke us apart.“

Im famosen You’re Gonna Make Me Lonesome When You Go versucht Bob Dylan, sein Selbstmitleid und seine Trauer durch kleine Scherze und scheinbare Klischees zu verbergen – und scheitert famos.

Erst am Ende gibt er die Verstellung auf, lässt die Scham sausen. Bloß der Titel klingt noch lakonisch und alltäglich: If You See Her, Say Hello. Dahinter verbergen sich Abgründe, Tränen und durchwachte Nächte. Kaum ein Song hat diesen Schmerz jemals besser ausgedrückt. „Say for me that I’m alright / though things get kind of slow / she might think that I’ve forgotten her / don’t tell her it isn’t so.“ Dylan liefert sich vollkommen aus, seine Stimme zerfetzt einem das Herz. Der Text bringt das Dilemma auf den Punkt: Er bewundert sie gerade dafür, dass sie stark und einsichtig genug war, ihn zu verlassen – und vermisst sie deshalb umso mehr.

Als hätte er sich in die Sehnsucht hineingesteigert und würde sich nun erst recht erinnern, folgt danach Shelter From The Storm, das Highlight der Platte. Ganz sachte schwingt sich das Stück auf, bis es schwebt und leuchtet. „She walked up to me so gracefully / and took my crown of thorns / come in, she said, I’ll give you / shelter from the storm.“

Erstmals seit Blonde On Blonde war dies endlich wieder eine Dylan-Platte wie aus einem Guss. Oder wie der Rolling Stone es nannte: „Mehr als nur ein Lebenszeichen.“

KT Tunstall macht sich Tangled Up In Blue zu eigen:

Bob Dylan bei MySpace.


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