Hingehört: Bombay Bicycle Club – „A Different Kind Of Fix“ 4


Dafür, dass sie bloß mit Fahrrädern unterwegs sind, sind sie ganz schön schnell: "A Different Kind Of Fix" ist das dritte Album in drei Jahren.

Dafür, dass sie bloß mit Fahrrädern unterwegs sind, sind sie ganz schön schnell: „A Different Kind Of Fix“ ist das dritte Album in drei Jahren.

Künstler Bombay Bicycle Club
Album A Different Kind Of Fix
Label Universal
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

Bombay Bicycle Club können sich alles erlauben. Zumindest könnten sie das glauben. Schließlich hat das Quartett aus London bisher in seiner Karriere quasi alles richtig gemacht – und ist auch mit den erstaunlichsten Wendungen und Finten durchgekommen.

Ihr Debüt I Had The Blues But I Shook Them Loose brachte ihnen unter anderem Lobeshymnen von NME ein, der Jack Steadman, Jamie MacColl, Suren De Saram und Ed Nash sogar als beste neue Band des Jahres 2009 auszeichnete. Für den Nachfolger Flaws vollführte der Bombay Bicycle Club eine vergleichsweise radikale Wende: Das Album ersetzte Indie-Pop durch Folk, war rein akustisch aufgenommen und ließ ganz viel Raum für die Stimme von Sänger Jack Steadman. Die Fans hatten kein Problem damit: Flaws erreichte im vergangenen Jahr die Top 10 in England.

Morgen erscheint das dritte Album, und wieder herrscht Unruhe bei allen, die den Werdegang des Bombay Bicycle Club verfolgen. Nicht nur, dass der Albumtitel A Different Kind Of Fix erneut eine radikale Kehrtwende vermuten lässt. Steadman hatte zuletzt in einigen Soloprojekten auch hemmungslos mit elektronischen Sounds geflirtet und angeblich während der Aufnahmen zu A Different Kind Of Fix (das in Hamburg, London und Atlanta entstanden ist) überhaupt keine Gitarrenmusik gehört. Und was hat es bloß mit dem seltsamen Pacman-Spiel auf sich, das die Band auf ihrer Homepage anbietet?

Die Vorab-Single Shuffle kann als weiteres Indiz dafür dienen, dass sich der Bombay Bicycle Club schon wieder neu erfunden hat. Da trifft ein Madness-Klavier auf einen Beat, den die Happy Mondays wohl bei ihrem Dealer haben liegen lassen, und ein bisschen beschauliche Psychedelik im Stile von Animal Collective.

Wer nun befürchtet, dass er angesichts all dieses Wandels beim Bombay Bicycle Club einfach nicht mehr mitkommt, der kann beruhigt sein: A Different Kind Of Fix klingt zwar neu, aber nicht wie eine komplett andere Band. Das Filigrane von Flaws und die Eingängigkeit von I Had The Blues But I Shook Them Loose werden hier kombiniert zu einer spannenden, ambitionierten Rockplatte.

Vor allem ist es die Stimme von Jack Steadman, die diese Lieder erdet und ihnen einen Wiedererkennungswert gibt. Sein Gesang sorgt zudem für so etwas wie ein Fundament aus Heiterkeit für die gelegentlich recht bedrückenden Soundlandschaften. Vieler dieser Lieder könnten strahlende Hits sein, aber sie sind niemals auf Effekt aus, scheren sich nicht um ihren eigenen Glanz. Produzent Jim Abbiss, der schon die ersten beiden BBC-Alben betreute und auch schon mit Kasabian, den Arctic Monkeys oder Adele arbeitete, hat hier so etwas wie Shoegaze mit Sonnenschein erschaffen.

Der Opener How Can You Swallow So Much Sleep ist ein gutes Beispiel: Mit seinem verführerischen Picking und der Mantra-haften Songstruktur könnte das Lied einen Zauber entwickeln wie das ganz ähnlich angelegte (und geniale) She’s Got You High von Mumm-Ra. Doch der Song behält einen guten Teil dieses Potenzials für sich, bleibt bescheiden, fast schüchtern. Auch Bad Timing offenbart diesen Konflikt: Der Bass ist kraftvoll, aber der Gesang bloß geflüstert.

Wie reizvoll das werden kann, macht Lights Out, Words Gone am besten deutlich: Der Song beginnt extrem entspannt, beinahe mediterran. Und als man sich gerade fragt, ob das der Sound ist, von dem Vampire Weekend beim Runterkommen träumen, da bekommt das Stück plötzlich einen ganz zauberhaften Charme, am Ende entwickelt es sogar so etwas wie einen Sog. Auch das am Pathos der Smiths geschulte Leave It und das höchste elegante Favourite Day sind Höhepunkte. What You Want lässt an die Editors denken, der Rausschmeißer Still, nur mit Piano und der Kopfstimme von Jack Steadman, hat die Intensität der besten Radiohead-Momente.

Immer wieder werden auf A Different Kind Of Fix falsche Fährten gelegt, vieles bleibt wie hinter einem Nebel verborgen, und trotzdem entwickelt das Album eine enorme Anziehungskraft. Das ist wohl die Strategie des Bombay Bicycle Club, auf diesem Album und in ihrer Karriere: Sie wollen geliebt werden. Nicht schnell, sondern innig.

Im Video von Shuffle kann ich beim besten Willen keinen Sinn erkennen. Aber immerhin Fahrräder:

Bombay Bicycle Club gibt es im November live in Deutschland. Die Tourdaten:

21.11. München – Freiheizhalle

22.11. Berlin – C-Club

23.11. Hamburg – Gruenspan

24.11. Düsseldorf – Zakk

25.11. Erlangen – E-Werk

26.11. Dresden – Beatpol

Der Bombay Bicycle Club bei MySpace.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

4 Gedanken zu “Hingehört: Bombay Bicycle Club – „A Different Kind Of Fix“