Buzzcocks – „The Complete Singles Anthology“ 2


Künstler Buzzcocks

"The Complete Singles Anthology" zeigt: Die Songs der Buzzcocks sind nicht immer so groß wie der Mythos.

„The Complete Singles Anthology“ zeigt: Die Songs der Buzzcocks sind nicht immer so groß wie der Mythos.

Album The Complete Singles Anthology
Label Emi
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung

Es gibt eine Sache, die noch schlimmer für Musik ist als ein Jazz-Festival: Besserwisser. Neumalkluge. Superschlaue. Diese Leute haben den ultimativen, einzig wahren Musikgeschmack mit Löffeln gefressen. Und nun teilen sie ihn, meist ungefragt, mit einer Welt, die in ihren Augen ausschließlich aus Banausen besteht, die nicht das Geringste davon verstehen, was eine wirklich bedeutende Band ausmacht.

Solche Leute schwärmen gerne von Gang Of Four oder den Replacements. Sie behaupten, dass die Pretty Things die besseren Rolling Stones gewesen wären, und Gerry & The Pacemakers die besseren Beatles. Und irgendwann wird man von ihnen mit Sicherheit auch das Loblied auf die Buzzcocks hören.

Sie stehen damit nicht alleine da. Nehmen wir beispielsweise Alex Kapranos, Sänger von Franz Ferdinand, als Referenz. Er meint: “They are one of the best singles bands ever to come out of the UK. They communicate the complex, dark, horribly passionate emotions we all go through really simply, and in a way that really touches you.” Kurt Cobain war ebenfalls ein großer Buzzcocks-Fan, Pete Doherty liebt sie, U2, Radiohead und REM behaupten unsisono, dass es sie ohne die Buzzcocks womöglich nie gegeben hätte. Der Journalist und Punk-Experte Alan Parker schreibt in den Liner Notes zu The Complete Singles Anthology: „Whithout Buzzcocks, Manchester might not be that special on the musical map. We owe them a huge debt.”

Buzzcocks-Sänger Pete Shelley ist durchaus stolz auf so viel Lorbeer, hat aber auch eine recht banale Erklärung für die allseitige Bewunderung: „I think people felt that way because we weren’t setting the bar too high – we made it sound like everybody could have a go.“

Auch wenn man dieser Argumentation nicht folgt, ist es nicht schwer zu verstehen, warum so viele Musikgrößen so nachhaltig von den Buzzcocks beeindruckt waren. Die 1976 gegründete Punkband aus Manchester bietet mehr Stoff zur Legendenbildung als quasi jede andere Band im Musikbusiness. Buzzcocks waren auf Tour mit den Sex Pistols, The Clash, Joy Divison, Nirvana und, ähm, den Rakes. Sie erfanden quasi den Do-It-Yourself-Ethos des Punk, als sie ihre erste EP selbst finanzierten. Der ursprüngliche Sänger Howard Devoto verließ nach eben dieser EP die Buzzcocks – als er die fertige Scheibe in der Hand hatte, meinte er, nun alles erreicht zu haben, wovon er je geträumt hatte.

Als später ihre erste Single namens Orgasm Addict im Kasten war, weigerten sich die Arbeiter im Presswerk, die Platte herzustellen, weil sie das Lied zu obszön fanden. Und am Ende einer Buzzcocks-Show zertrümmerte die Band oft gleich eine ganze Wand aus Fernsehern mit einem Vorschlaghammer.

Die Nachwelt ist entsprechend begeistert. “The Buzzcocks influence is completely immeasurable. Basically, anyone who’s ever picked up a guitar over the last 30 years owes them a sizeable debt”, stellte der NME unlängst fest. Der Rolling Stone ist nur wenig zurückhaltender: „Die Buzzcocks waren die Beatles auf Speed, ein elektrisch aufgeladener Wirbelsturm, das perfekte Verhältnis von Emotion, Melodie und atemberaubenden Tempo.“

Auch die Zeitgenossen waren begeistert. „The Punk Beatles“ wurden die Buzzcocks genannt, weil sie es schafften, „die Verve des Punkrock massenkompatibel in Krachpop zu übersetzen“ (Rolling Stone). Die Band um Pete Shelley und Steve Diggle war schlicht die erste, die Punk machte, aber kein Problem damit hatte, dabei von Romantik zu singen. Damit machten sie den Sound Wohnzimmertauglich und bahnten sich selbst gleich mehrfach den Weg in die Top40 und zu Top Of The Pops.

Wer die Buzzcocks für bedeutend hält, könnte also nicht richtiger liegen. Wer die Buzzcocks für umwerfend hält, der wird allerdings geblendet vom Verdienst. The Complete Singles Anthology, mit 54 Liedern aus den Jahren 1977 bis 2004 (plus einem 40 Minuten langen Interview), zeigt: Der Einfluss ist hier weitaus größer als die Klasse, die Legende deutlich strahlender als die Songs.

Die Frühwerke Breakdown, Times Up, Just Lust oder Friends Of Mine sind wild, primitiv und simpel wie die Sex Pistols, aber viel zu chaotisch. Das liegt zum einen am oft halsbrecherischen Tempo der Buzzcocks. Zum anderen am Sound: Der Fokus liegt hier klar auf dem Gesang (und Pete Shelley klingt auf diesen frühen Songs so angespannt und voll von unterschwelliger Wut, dass man meint, seine Stimmbänder seien aus Nietenarmbändern gemacht), Bass und Schlagzeug. Die Rhythmusgitarre ist hingegen fast schüchtern im Mix versteckt – oder existiert erst gar nicht, weil es stattdessen zwei klirrende Sologitarren gibt.

So fehlt den Stücken nicht nur Druck, sondern mitunter auch Struktur. Die Lieder mögen Punk-Klassiker sein, aber vom viel gepriesenen Pop-Geist der Buzzcocks findet sich nichts. Die Songs sind nicht zum Mitsingen geeignet, sondern allenfalls zum Mitgrölen und dumpf mit dem Kopf nicken – was ja mitunter schon reichen kann, um einen perfekten Punk-Track zu machen.

Die Texte sind die kongeniale Entsprechung. Manchester bot 1975 „no fucking nothing“, bringt es Alan Parker in den Liner Notes auf den Punkt. Und passend dazu singt Pete Shelley meist über Frustration, vor allem sexuelle. Er ist schamlos, notgeil, und wo keine weibliche Abhilfe in Aussicht ist, wird eben die Masturbation oder die schmutzige Fantasie gefeiert. Das knackige Oh Shit ist der Prototyp dafür: Ein höchst effektiver Song, gebaut rund um einen Schlachtruf, den man problemlos als Graffiti, Tattoo oder auf einem T-Shirt in die Welt tragen konnte – und mit dem sich wirklich jeder identifizieren kann.

Dazu passt auch, dass die Buzzcocks niemals meinten, etwas Besseres zu sein als ihre Fans. Bassist Tony Barber lässt daran keinen Zweifel: „The audiences were like the bands and the bands were like the audiences.“ Auch der NME sieht in den Buzzcocks “a band of bright but futureless working-class misfits who had no truck with rock’n’roll glamour“.

Was sie wollten, war ganz einfach: sich artikulieren, Musik machen, Spaß haben. David Bowie und T. Rex zählten zu den wichtigsten Einflüssen, und dementsprechend war die Single das ultimative Vehikel für den Sound der Buzzcocks. “Doing something at the speed we did it at – two verses, chorus, middle-eight, guitar solo, and then a couple of choruses – we just tended to end up at three minutes. It’s the nature of pop songs that they turn up short”, erklärt Pete Shelley das Prinzip. Singles waren für die Buzzcocks “a way of keeping in touch and letting people know what was happening. For us, singles were like sending a postcard rather than waiting for your autobiography to come out.”

Und trotz der beträchtlichen Zahl an Ausfällen auf The Complete Singles Anthology gibt es hier natürlich auch jede Menge, das heute noch zündet. Am stärksten sind die Buzzcocks, wenn sie an die Ramones erinnern. Das genial-übellaunige Boredom ist so ein Fall, oder auch Orgasm Addict, die bereits erwähnte Masturbationshymne. What Do I Get, I Believe, What Do You Know, Promises, Love You More oder Are Everything sind Hits, die zumindest erahnen lassen, wieso der NME hier die erste von drei CDs „as close to punk-edged pop perfection as you can get“ wähnt. Auch einige der späteren Songs (die Buzzcocks lösten sich 1981 auf, fanden aber 1989 wieder zusammen) wie Running Free, Innocent oder Last To Know haben durchaus Klasse.

Zudem beweisen die Buzzcocks, dass sie auch komplex sein können und keine Punk-Puristen sind, denn schon früh erklingen hier auch Orgel, Bläser oder Synthesizer. Moving Away From The Pulsebeat deutet das an, I Don’t Mind ist dann beinahe schon filigran, You Say You Don’t Love Me oder I Look Alone könnten mit etwas weniger Biss tatsächlich Beatles-Schlager sein.

Anderes hat eindeutig Elvis Costello geprägt (Whatever Happened To?, Everybody’s Happy Nowadays). Auch die Nähe zu The Clash ist mitunter frappierend (Autonomy oder Why Can’t I Touch It mit seinen Dub-Elementen). Why She’s A Girl From The Chainstore könnte genauso gut von The Jam sein. Die Arctic Monkeys haben sicher das ein oder andere Mal beim sehr cleveren Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn’t’ve?) ganz genau hingehört, mit Platz 12 in England der größte Hit in der Buzzcock-Karriere. Auch Green Day, Ash, Bad Religion oder Nirvana sind ohne die hier erklingende Pionierarbeit kaum vorstellbar.

Trotzdem bleibt der Eindruck, dass man die Buzzcocks-Lobhudelei wohl besser verstehen könnte, wenn man die besten ihrer Songs auf eine einzige Scheibe gepackt hätte, statt ihnen nach einem guten Vierteljahrhundert eine 3-CD-Box zu gönnen. Denn in Summe unterstreicht The Complete Singles Anthology zwar die immense Bedeutung der Buzzcocks. Die Zusammenstellung zeigt aber auch: Die Buzzcocks waren einfach nicht so knochentrocken (und arschcool) wie die Ramones, nicht so virtuos wie The Clash und nicht so gefährlich wie die Sex Pistols.

Die Punk-Beatles? Dann hätte aber ein größerer Hit drin sein müssen als Platz 12. Trotzdem ist Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn’t’ve)? ein Klassiker. Und die Hemden sind auch schick:

Buzzcocks bei MySpace.


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