Chemical Brothers – „Don’t Think“


Künstler Chemical Brothers

Mit "Don't Think" dokumentieren die Chemical Brothers ihre Show beim FujiRock 2011.

Mit „Don’t Think“ dokumentieren die Chemical Brothers ihre Show beim FujiRock 2011.

DVD Don’t Think
Label EMI
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Zuerst haben die Chemical Brothers bewiesen, dass man keine Gitarren braucht, um zu rocken wie niemand sonst. Mit Don’t Think beweisen sie, dass man keineswegs Sounds auf der Bühne erzeugen muss, um ein fantastisches Live-Erlebnis zu generieren. Der Mitschnitt ihres Auftritts beim FujiRock-Festival 2011 ist ein „erstaunlicher Blutrausch im Kopf“ (Sunday Telegraph), ein „psychedelischer Klassiker“ (Mojo). Der ultimative Rave.

Die 78 Minuten stehen dem, was andere Festival-Headliner üblicherweise mit Gitarre, Schlagzeug, Bass und Gesang auf die Bühne bringen, in nichts nach. Wie erstaunlich das ist, darf man sich gerne noch einmal in Erinnerung rufen. Die Idee des Live-Konzerts ist es ja, dass die Klänge, die das Publikum hört, von den Menschen auf der Bühne mit deren Instrumenten erzeugt werden. Hier sind alle Sounds schon fertig, sie werden von Ed Simons und Tom Rowlands lediglich live auf der Bühne angeordnet. Der Wirkung tut das freilich keinen Abbruch. Don’t Think ist ein phänomenales Dokument einer perfekten Performance.

Dass diese Show (mindestens) genauso gut funktioniert wie ein Rockkonzert, liegt zunächst schlicht und einfach an der Musik. Schöner als der Moment, wenn nach dem „Here we go“ in Hey Boy Hey Girl der Beat einsetzt, können die Erlösung, die Vergebung und das Paradies auch nicht sein. Der Sound der Chemical Brothers hat so viel Energie, dass er locker in der Lage ist, 100.000 Menschen zum Ausflippen zu bringen. Das gilt für Setting Sun und Galvanize, die extrem verändert werden, ebenso wie für Hey Boy Hey Girl und Block Rockin’ Beats, das die Chemical Brothers fast 1:1 wie auf Platte präsentieren. Diese Musik würde keinen Sinn machen, wenn keiner dazu tanzen würde. Aber hier wird getanzt. Und wie.

Es gibt viele der Effekte, die auch bei Coldplay (die zwei Tage zuvor beim FujiRock gespielt hatten) oder Radiohead (die im Jahr darauf den Slot besetzten, den die Chemical Brothers 2011 inne hatten) zu beobachten wären: Die Fans kreischen, wenn sie einen Song erkennen (etwas wenn die Worte „Do it again“ erklingen, die ersten überhaupt, die man auf Don’t Think vernehmen kann). Einer hält ein Chemical-Brothers-Spruchband hoch, im beinahe orgiastischen Believe verfallen die Fans in rhythmisches Mitklatschen.

Es sind ihre Gesichter, aus denen am deutlichsten die Stärke dieser Musik spricht, und die Kamera fängt diese Momente entsprechend häufig ein: Man sieht Fans, die förmlich weggetreten sind, ohne Pupillen, hüpfend, als wogende Masse, schreiend vor Glück, fasziniert und ungläubig wie kleine Kinder, die von einem ganz besonderen Weihnachtsgeschenk überrascht werden. Don’t Think – dieses Motto darf man wörtlich nehmen, denn hier existiert nichts mehr außer der Musik. Immer wieder zeigt Regisseur Adam Smith die Menschen im Publikum mit geschlossenen Augen. Sie sehen aus, als kommen sie mit letzter Kraft nach Hause, nach einer Irrfahrt voller Schmerz und Erniedrigung.

Don’t Think ist auch als Tondokument (sowohl der DVD als auch der Blu-Ray liegt jeweils eine Audio-CD bei) hoch interessant. Aber die CD verhält sich zur DVD wie das Genießen der Musik alleine mit Kopfhörern zum Erlebnis mitten in der Menge. Letzteres (also auch der Filmmitschnitt des Konzerts) eröffnet eine ganz neue Dimension.

Dazu trägt natürlich auch die meisterhafte Licht- und Videoshow bei. Die Animationen auf den großen Leinwänden thematisieren immer wieder Affekt, Instinkt und Trieb – also klassische Rock-Zutaten. Ein gespenstischer Clown ist zu sehen, ein Pferd als Symbol unbändiger Kraft, ein Mann auf der Flucht vor bewaffneten Verfolgern. Es gibt bei Believe eine Achterbahnfahrt durch einen animierten Fantasietempel, es gibt Tiger und Elefanten. Hoffnung und Verzweiflung stecken im Bild von Mann und Frau, die hintereinander her rennen und -schwimmen, sich aber doch nicht zu fassen bekommen.

Das Beeindruckendste an Don’t Think ist aber keineswegs die Computerkunst, die hier sagenhafte visuelle und akustische Reize hervorbringt. Sondern das in jeder Einstellung spürbare, sich mit jeder Sekunde verstärkende Gemeinschaftsgefühl. Wenn die Kamera über das Festivalgelände wandert, tauchen immer wieder Elemente aus der Videoshow auf, so als springe das Konzert von der Bühne und aus der Zeit mitten hinein in die Realität. Später hüpfen Ballons zwischen Bühne und Zuschauerraum hin und her, und die Körper im Publikum bilden die Leinwand für ein paar besonders originelle Licht-Projektionen.

Es gibt hier keine Stars, die sich in fein inszenierten Posen anhimmeln lassen, es gibt keine Soli und konsequenterweise auch keine Ansagen. Es gibt nur den Sound, der alles vereint. Für diesen Sound sind die Fans hier, und für diesen Sound sind die Chemical Brothers hier. Die Quelle der Musik verschwindet, die Bühne ist kaum mehr als solche wahrzunehmen, alles transzendiert in Don’t Think zu einem Gesamterlebnis. Das entwickelt eine solch rauschhafte Gewalt, dass man nur staunen kann. Dazu passt die letzte Szene von Don’t Think: Ed Simons nimmt den Finger vom Keyboard wie ein Alchemist, dem sein eigenes Werk zu gefährlich geworden ist.

Japaner außer Rand und Band: Die gibt es auch während Swoon reichlich zu sehen.

Homepage der Chemical Brothers.

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