Cold War Kids – „Dear Miss Lonelyhearts“


Künstler Cold War Kids

Auf "Dear Miss Lonelyhearts" besinnen sich die Cold War Kids auf ihre Essenz.

Auf „Dear Miss Lonelyhearts“ besinnen sich die Cold War Kids auf ihre Essenz.

Album Dear Miss Lonelyhearts
Label Downtown
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Wenn ich eine Rezension mit einem Zitat anfange, dann ist das entweder ein Songzitat oder stammt von einer historischen Geistesgröße. Für den geschätzten Kollegen Ayke Süthoff mache ich gerne eine Ausnahme. Erstens ist keineswegs auszuschließen, dass er irgendwann als historische Geistesgröße gelten wird. Zweitens hat er in seinem Beitrag bei Noisey einfach verdammt gut auf den Punkt gebracht, worum es bei den Cold War Kids geht: „Dieses dünne Stimmchen, diese vom Aussterben bedrohten Gitarren, der knarzige Bass, sie schafften es Rock in einem dünnen Kleid zitternd dastehen zu lassen und gleichzeitig Kraft, Wut, Liebe, Lust und Aufbegehren zu vermitteln. So wie es Rock schon immer getan hatte – nur eben noch nie so in Minimalismus schwelgend.“

Nun liegt Dear Miss Lonelyhearts vor, das vierte Album der Kalifornier. Kollege Süthoff beklagt, mit guten Argumenten, dass die Cold War Kids darauf erneut fahrlässig mit ihrer größten Stärke umgehen (dem Minimalismus) und stattdessen wie auf dem Vorgänger Mine Is Yours auf fragwürdige Mittel (Stadion-Anbiederung) setzen. Dem kann man, vor allem im Vergleich mit dem Frühwerk der Band, zustimmen. Trotzdem ist Dear Miss Lonelyhearts, produziert vom neuen Gitarristen Dann Gallucci, ein Schritt nach vorne. Wenn noch ein Zitat erlaubt ist, diesmal aus dem NME: “They’ve stopped trying to do indie rock by numbers and gone back to the sort of idiosyncratic weirdness that made us fall for them in the first place.“

In der Tat bietet die Platte wieder vieles von dem, was das Quartett ausmacht. Zugleich ist Dear Miss Lonelyhearts (benannt nach einem Roman von Nathanael West) aber nicht einfach eine Besinnung auf die Wurzeln. Die Cold War Kids haben nicht bloß den Rückwärtsgang eingelegt. Sie haben vielmehr erkannt, worin ihre Essenz besteht und rund um diese Essenz auch ein paar neue Elemente angeordnet.

Bottled Affection beispielsweise wartet mit einem interessanten Beat auf, der beinahe aus der Neptunes-Werkstatt stammen könnte. Fear & Trembling verbreitet Western-Flair: Die frisch aufgeknüpften Leichen baumeln im Takt des Songs im Wind, ein Saxofon versucht, den Tod aus der Stadt zu vertreiben, muss am Ende aber selbst um sein Leben fürchten. Der Titelsong klingt wie selbstvergessen und besteht fast nur aus Drums und Gesang, aber das Schlagzeug spielt dabei nicht eigentlich einen Rhythmus, sondern eher eine Melodie.

„We were shaken up, ready to let certain songs go further than before by trying new styles and arrangements, while keeping others sparse and caring more about the finished product and less about how we got there“, erklärt Sänger Nathan Willett die Herangehensweise für Dear Miss Lonelyhearts. Das Album profitiert enorm von ganz klassischen Tugenden wie der Kreativität der Cold War Kids im Hinblick auf Komposition und Zusammenspiel. Bei allen Innovationen ist es dabei nach wie vor in erster Linie Willetts Stimme, die aus den Cold War Kids eine besondere Band macht. Von Anfang an singt er wie ein Besessener. Der Opener Miracle Mile liefert die passende Klangkulisse dazu, denn der Track beginnt sofort im roten Bereich – das Schlagzeug wird gefoltert, auf die Klaviertasten wird noch erbarmungsloser eingeprügelt.

Lost That Easy ist danach eher luftig, aber nicht minder intensiv. In Loner Phase scheint der Bass zu brennen, während das Schlagzeug donnert wie eine ganze Gewitterfront. Ganz viel Hall liegt im sehr schönen Tuxedos auf der Stimme, das sich irgendwo zwischen klassischer Soul-Instrumentierung, Purple Rain von Prince und der besonderen Verlorenheit von Ryan Adams einordnet. Am Schluss gibt es in Bitter Poem nichts mehr, was ablenkt vom emotionalen Gehalt des Songs. Das ist dann tatsächlich wieder minimalistisch, es ist Rock, der in einem dünnen Kleid zitternd dasteht. Es ist Musik, die Trost spendet. Und die man zugleich in den Arm nehmen will, um sie zu beschützen.

Cold War Kids spielen Miracle Mile live bei Jimmy Kimmel:

Homepage der Cold War Kids.

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