Hingehört: Coldplay – „Mylo Xyloto“ 3


Mit "Mylo Xyloto" drehen sich Coldplay noch ein bisschen enger im Teufelskreis aus Kritik und Optimismus.

Mit „Mylo Xyloto“ drehen sich Coldplay noch ein bisschen enger im Teufelskreis aus Kritik und Optimismus.

Künstler Coldplay
Album Mylo Xyloto
Label Emi
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

Unfassbar. Kaum zu ahnen, schwer zu erklären, und auch wider besseren Wissens eigentlich nicht zu glauben. Schaut man sich dieser Tage noch einmal das erste Video von Coldplay an, dann sieht man da nach wie vor einen jungen Mann, der aussieht wie die blassen und immer verkaterten englischen Teenager auf Klassenfahrt, die man in Berlin, Dresden oder Colditz erleben kann. Der Mann trägt etwas ungeschickte Spätneunzigerfunktionskleidung (im Jahr 2000), er läuft in der Morgendämmerung an einem ungemütlich aussehenden englischen Strand entlang und singt, nicht ganz synchron zum Playback, den Text von Yellow.

Ein gutes Jahrzehnt später spielen die Videos in New York und wimmeln vor Spezialeffekten. Der nicht mehr ganz so junge Mann trägt etwas ungeschickte Mitteachtzigerdiscokleindung (im Jahr 2011). Er vögelt (pardon) Hollywoodstars, und er singt in der größten Band der Welt.

50 Millionen Platten haben Coldplay in ihrer Karriere verkauft, in Zeiten, in denen kein Mensch mehr Platten verkauft. Selbst das 2008 erschienene Viva La Vida Or Death And All His Friends ging noch 9 Millionen Mal über die Ladentheke. Zum Vergleich: In ganz Deutschland wurden im Jahr 2008 gerade einmal 78 Millionen CDs aus dem Bereich Pop/Rock abgesetzt. Da ist der Verkaufserfolg von Coldplay nicht bloß erstaunlich, sondern fast ein Wunder.

Es ist freilich auch genau dieser Status, der Coldplay immer wieder zum Verhängnis wird. Viele Kritiker hätten nach wie vor lieber die kuschelige kleine Indie-Kapelle am englischen Strand. Aber Coldplay sind längst eine Band, die Stadien füllt, und die von den Superstars anderer Genres ebenso geliebt wird wie von Hausfrauen am Bügeltisch. Bei so viel Erfolg lassen Hohn und Spott nicht lange auf sich warten. Kitschig findet mancher Kritiker inzwischen diese Musik, prätentiös die Versuche von Coldplay, sich (trotz des Drucks als letzter verlässlicher Umsatzbringer ihrer eigenen Plattenfirma) künstlerisch weiterzuentwickeln. Chris Martin wird zudem gerne ein Jesus- (oder zumindest Bono-)Komplex angedichtet.

Die Crux an dieser Häme: Sie hat diesmal dazu geführt, dass Coldplay ein Album gemacht haben, dass tatsächlich prätentiös ist und auf dem Chris Martin seinem Publikum tatsächlich so etwas wie Erlösung verschaffen möchte. “Trying to turn bad things into good things somehow”, umschreibt der Frontmann das Leitmotiv von Mylo Xyloto. Und er erklärt auch gleich, woher diese Idee kommt: “We as a band have been through some funny incidents in terms of people being aggressive towards us or whatever. And, a lot of the record is fuelled by a kind of fire which comes from turning that negativity into positivity. And I think everyone in their life has something like that.“

Prost Mahlzeit, mag man da sagen, denn natürlich ist das ein Teufelskreis: Kritik an ihrem Gutmenschentum wandeln Coldplay in positive Energie um, machen dann Lieder voller Zuversicht und ernten dann neue Kritik für so viel Naivität.

Dabei ist all das Quatsch. Warum es mancher Coldplay-Hasser empörend findet, wenn Coldplay mit ihren Liedern versuchen, ein bisschen Hoffnung zu verbreiten, ist kaum zu verstehen. Und warum die Band dieses Motto plötzlich als neues Ziel ausgibt, leuchtet ebenfalls kaum ein. Bei Coldplay ging es schon immer um das Licht am Ende des Tunnels, das Aufstehen nach dem Fall, das Weitermarschieren selbst bei miesem Wetter am englischen Strand.

Freilich sind die Heilsversprechen auf Mylo Xyloto noch stärker präsent als früher. Immer wieder finden sich Zeilen, die Mut machen sollen, auf die Macht des Zusammenhalts schwören oder bessere Zeiten vorhersagen. „We’ll run wild, we’ll start glowing in the dark“ (Charlie Brown). “Through chaos as it swirls / it’s just us against the world” (Us Against The World). “So you can hurt me bad / but still I’ll raise the flag” (Every Teardrop Is A Waterfall). “When you’re tired of waiting / and you just find you never had a start / c’mon baby, dont let it break your heart.” (Don’t Let It Break Your Heart). “A simple thought / but I know one thing / good things are coming our way” (Up With The Birds). “It’s just us against the world / and we just gotta turn up to be heard” (Major Minus).

Diese Omnipräsenz liegt in der Entstehungsgeschichte von Mylo Xyloto begründet. Die Band wollte eigentlich ein sehr reduziertes, akustisches fünftes Album aufnehmen. Dann wurde die Idee eines Soundtracks im Stil von Yellow Submarine diskutiert, komplett mit dazugehörigem Zeichentrickfilm. “It was going to be a kind of a soundtrack album to a film we were writing which had a story through it and we got quite far down the line with designing characters and then we abandoned that idea and moved into a different direction, retaining elements of the acoustic album and from the soundtrack album with us, so what we’ve ended up with is an album that we arrived at quite an unusual sort of way, so it’s kind of a hotchpotch of all those different phases”, erklärt Bassist Guy Berryman.

Etwa 60 Songs hatte die Band geschrieben, gerade einmal 14 davon sind nun auf Mylo Xyloto gelandet, und auch von diesen 14 sind noch einmal 3 bloß Skizzen oder kurze, instrumentale Übergangstracks. Das soll ganz bewusst den Charakter von Mylo Xyloto als zusammenhängendes Werk (statt bloß einer Sammlung einzelner Songs) stärken. “We really felt like the album is so under threat as a format that we should really make an effort to really tie it all together”, sagt Chris Martin.

Eine dieser Skizzen steht ganz am Anfang. Mylo Xyloto (“It means whatever you want it to mean. You can think up new words if you want to. There’s still things that you can invent and words beginning with X are few and far between so we thought we might try and add one”, erklärt Chris Martin die banale Bedeutung des prätentiösen Titels) ist nicht mal eine Minute lang, ein belangloses Stück mit Ambient-Touch. Vor allem aber ist es eine Absicherung vor der Urgewalt des dann folgenden Hurts Like Heaven. Da ist die typische Coldplay-Gitarre, die Stimme von Chris Martin ist noch ein bisschen höher als sonst, vor allem aber sorgen die sehr reduzierten und extrem wirkungsvollen Drums von Will Champion für einen ungeheuren Drive und von Coldplay selten gehörten Punch. “That’s kind of our call to arms to each other”, meint Chris Martin – und eindrucksvoller als Hurts Like Heaven hätte der Kampfschrei kaum werden können.

Paradise steht diesem Kracher in keiner Weise nach. Die Streicher, das Ohoho – das ist natürlich das Rezept von Viva La Vida, aber es ist eine nach wie vor perfekt funktionierende Formel. Das folgende Charlie Brown schrieb Chris Martin, nachdem er in Los Angeles ein Konzert von Bruce Springsteen besucht hatte, und tatsächlich entdeckt er in diesem Song so etwas wie den Boss in sich. Hymnisch und doch reduziert, mit großem Herzen und ein bisschen Aufruhr trumpft der Song nach einem schrägen Intro mit Helium-Stimmen auf. Das wunderhübsche Us Against The World bleibt weitgehend akustisch und könnte beinahe ein Überbleibsel vom Debütalbum Parachutes sein.

Zu diesem Zeitpunkt möchte man wetten, dass Coldplay es wieder allen gezeigt und ein meisterhaftes Album vorgelegt haben. Das instrumentale MMIX leitet dann aber zu einem ziemlich ausdauernden Durchhänger über. Every Teardrop Is A Waterfall, eine von zwei Vorab-Singles, erinnert auch ein knappes halbes Jahr nach seinem Erscheinen noch immer an das unsäglich Eurodance-Verbrechen Ritmo De La Noche. Der Track ist völlig überproduziert und kann dennoch seine Eindimensionalität nicht kaschieren. Was für den Club gemacht sein soll, klingt am Ende nach Kinderdisco. Auch Major Minus, dessen Intro an Proud Mary angelehnt ist, funktioniert nicht richtig. Die Kombination aus ungewöhnlichen Percussions und vielen Effekten auf dem Gesang lässt an U2s Achtung Baby denken. Wenn sie als modern gedacht sein soll, kommt sie also 20 Jahre zu spät.

UFO, der erste Song überhaupt, der für Mylo Xyloto geschrieben wurde, sorgt für ein Zwischenhoch. „Mehr Gitarren, mehr von allem, außer von Chris Martin“ hatte Produzent Brian Eno angeblich als Konzept für Mylo Xyloto ausgegeben. UFO beweist, wie falsch er mit dieser Vorgabe nur liegen konnte und wie sehr der Frontmann diese Band prägt, selbst wenn man versucht, ihn daran zu hindern: 140 Sekunden lang erklingen nur eine Gitarre, die Stimme von Chris Martin und ein paar Streicher – und das Ergebnis ist wunderbar.

Es bleibt leider das letzte echte Highlight der Platte. Die Geschichte zu Princess Of China ist niedlich (Chris Martin hat das Stück für Rihanna geschrieben und war extrem nervös, als er es ihr zum ersten Mal auf dem Klavier vorspielte), aber das Duett an sich ist bloß medioker. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Princess Of China ist (ebenso wie das gesamte Schlussdrittel des Albums) besser als fast alles, was einem das Mainstream-Radio sonst so als Popmusik anbietet. Aber es bleibt unter dem üblichen Coldplay-Niveau. Die Stimmen von Chris Martin und Rihanna klingen zusammen zwar ganz reizvoll, doch das Klanggewand des Tracks passt letztlich weder zu Coldplay noch zu Madame RiRi.

Up In Flames ist beinahe der Gegenentwurf dazu. Klavier, Gesang, Streicher, dazu lediglich die Idee von einem Beat und eine E-Gitarre, die vor lauter Höflichkeit wohl am liebsten gleich wieder gehen wollte: Das reicht für eine feine Ballade. Spätestens jetzt, nach Us Against The World und UFO, hätte man dann doch sehr gerne erfahren, wie das fünfte Coldplay-Album geklungen hätte, wenn sich das Quartett tatsächlich zu einer akustischen Platte durchgerungen hätte.

Der vielleicht prototypischste Track für das gesamte Album ist dann kurz vor Schluss Don’t Let It Break Your Heart. Nicht nur der Text will hier aufbauen, auch die Musik ist ein Kraftspender. Im Refrain spielt Will Champion durchweg auf dem Crash-Becken und Chris Martin hämmert auf die Klaviertasten ein, als wolle er das Instrument zertrümmern, so viel Power steckt in diesem Lied. Ganz am Ende erkennt man, dass die Bass Drum die ganze Zeit über den Rhythmus eines Herzschlags gespielt hat – eine clevere Pointe.

Den Schluss macht Up With The Birds, das verheißungsvoll beginnt, diesem Versprechen dann aber doch nicht ganz gerecht werden kann. In puncto Melodie und Dramatik ist es der bisher schlechteste Rausschmeißer, den Coldplay je gemacht haben. Der Text bildet aber immerhin einen sehr passenden Schlusspunkt für Mylo Xyloto, wie Chris Martin erklärt: “It’s about people who are lost in a big scary environment and find each other as a form of getting through it. It’s a love story basically.” Ich sag es doch: Das war auch damals bei Yellow schon so.

Das passt ja zum Wetter: Coldplay spielen Every Teardrop Is A Waterfall live bei Rock am Ring:

Coldplay bei MySpace.


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