Hingehört: Conor Maynard – „Contrast“


Conor Maynard tobt sich auf "Contrast" im Pop-Wunderland aus.

Conor Maynard tobt sich auf „Contrast“ im Pop-Wunderland aus.

Künstler Conor Maynard
Album Contrast
Label Capitol
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **

Vor ziemlich genau 20 Jahren (genauer gesagt: am 8. März 1992) lief die Frist aus, um rechtliche Schritte gegen Milli Vanilli einleiten zu können. In der Tat hatten bis zu dieser Deadline einige Fans vor allem in den USA die Möglichhkeit genutzt, ihren Schmerz einzuklagen (und ein paar Dollars abzustauben). Sie waren bei Konzerten gewesen oder hatten Platten gekauft, und sie fühlten sich hintergangen, als dann herauskam, dass die beiden Rasta-Schönlinge auf der Bühne oder dem Plattencover gar nicht die waren, die da sangen.

Hinter ihrer Empörung steckt die Idee: Pop soll authentisch sein. Verpackung und Inhalt, Gesicht und Stimme sollen übereinstimmen. Aus heutiger Sicht ist das ein fast rührend altmodischer Gedanke. Die Popwelt des Jahres 2012 ist so Gaga und stromlinienförmig, dass der Gedanke von musikalischer Authentizität nur noch lächerlich wirken kann. Hip-Hop-Veteranen aus Kalifornien (Snoop Dogg) klingen in diesen Tagen genauso wie pubertierende Kanadier (Justin Bieber), der Sound von Glamour-Püppchen (Rihanna) ist kaum zu unterscheiden von dem einstiger Underground-Helden (Magnetic Man).

Das liegt nicht nur daran, dass der Mainstream immer schneller Trends integriert und damit pulverisiert. Es liegt vor allem daran, dass die Erste Liga des Pop sich fast durchweg mit Songmaterial beliefern lässt, statt selbst zu schreiben. Die Hits kommen aus den immergleichen Werkstätten, die mit den immergleichen Schablonen und Werkzeugen arbeiten. Das Ergebnis ist das, was Bloc-Party-Sänger Kele Okereke kürzlich „the invisible grid that seems to be mapping out all of popular music these days” genannt hat.

Contrast, das Debütalbum von Conor Maynard ist ein fast schockierend eindrucksvolles Beispiel dafür. An der Platte, die in England auf Platz 1 der Charts eingestiegen ist, waren sage und schreibe 13 Produzenten oder Produzententeams beteiligt (nimm das: Invisible Men, The Arcade, Dan Stein, Stargate, Deto Nate, Benny Blanco, Parker & James, Pharrell, Quiz & Larossi, Lucas Secon, Dirty Swift, Bruce Wayne und Eagle Eye), darunter reichlich namhafte Leute, die schon mit 50 Cent, DJ Fresh oder Kid Kudi gearbeitet haben. Die Liste der Komponisten ist noch länger und umfasst für 12 Lieder stattliche 31 Namen. Immerhin acht Mal wird auch Conor Maynard selbst als Co-Komponist genannt, der ansonsten kein Problem damit hat, fremdes Material zu nutzen: „Ich lerne immer noch, also wäre ich schön blöd, einen Song eines anderen abzulehnen, den ich bewundere“, sagt der 21-Jährige.

So viel Pragmatismus kann man dem jungen Mann aus Brighton kaum vorwerfen: Vor ein paar Jahren war er einfach ein enthusiastischer Teenager, nun steht er mit seinen Helden Ludacris, Pharrell oder Ne-Yo im Studio, darf in der Royal Albert Hall und im Wembley-Stadion singen und hat neben dem Nummer-1-Album auch noch zwei Top-5-Singles vorzuweisen. Seine Fans sind verrückt nach ihm und im Rennen um den MTV-Brand-New-For-2012-Award hat er sogar Lana del Rey und Lianne Le Havas ausgestochen.

„Früher band ich zwei Singstar-Mikrofone zusammen am Bettpfosten fest. So habe ich angefangen, meine Coverversionen aufzunehmen“, erinnert sich Conor Maynard. Dann ging für ihn der Traum in Erfüllung, den Millionen Teenager träumen: Die Videos, die er bei YouTube einstellte, machten Furore, vor zwei Jahren lud ihn dann sogar sein Vorbild Ne-Yo ein, nachdem er dessen Beautiful Monster gecovert hatte. Ne-Yo wurde zum Mentor für den Wunderknaben, und Conor Maynard wurde zu Englands Version von Justin Bieber, sogar mit der passenden Frisur.

Sein Debüt klingt jetzt wie das Werk eines jungen Mannes, der sein Glück kaum fassen kann, und sich tüchtig austobt im Wunderland des modernen Pop. Bei der Auswahl der Tracks, Mitstreiter und Produzenten muss sich Maynard vorgekommen sein wie ein Achtjähriger mit einem 1-Million-Dollar-Gutschein bei Toys’R’Us.

Der Opener Animal ist in der Stophe dezent durchgeknallt, geht im Refrain aber in bester David-Guetta-Hmynen-Manier auf Nummer sicher. Turn Around (mit seinem Ziehvater Ne-Yo) wird beinahe balearisch. Es war „einer der letzten Songs für das Album, den wir eigentlich nicht mehr auf dem Schirm hatten“, erzählt Conor Maynard. „Ich bin so froh, dass wir es noch rechtzeitig geschafft haben. Das Stück rundet das Album ab.“

Die Single Vegas Girls verweist im Text auf Rihanna und klingt dann prompt auch nach Umbrella, gleich danach lässt Can’t Say No mit seinem satten Bass erst an Justin Timberlake und dann im Break an M.I.A.s Paper Planes denken.

Das Problem an Contrast ist: Conor Maynard liefert hier nichts, was ihn irgendwie von anderen aktuellen Künstlern im Bereich des Urban Pop unterscheidet. Seine Stimme wird mit AutoTune jeglichen Charakters beraubt, die Texte sind hohl, der Charme, den der 21-Jährige in den Making-Ofs seiner frühen Videos versprüht, ist nirgends zu finden. Contrast hat kaum ein Qualitätsgefälle (lediglich das von Pharrell produzierte Lift Off und der sanfte Rausschmeißer Just In Case ragen etwas heraus), aber auch keinen Spannungsbogen. Letztlich klingt die Platte wie ein einziger Megamix. Oder aber: wie die Fließbandware, die sie schließlich auch ist.

Nicht auf dem Album, leider: Conor Maynard covert Use Somebody von den Kings Of Leon:

Homepage von Conor Maynard.

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