Hingehört: Crystal Castles – „Crystal Castles (II)“


Crystal Castles bleiben cool. Und experimentell.

Künstler Crystal Castles
Album Crystal Castles (II)
Label Universal
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung **1/2

Coolness ist eine wichtige Sache. Erst recht in der Musik. Vor allem, wenn man elektronische Musik macht, der immer der Makel der allzu leichten Reproduzierbarkeit anhaftet, die sie beliebig zu machen droht, und die deshalb umso mehr etwas Besonderes braucht, um eine Existenzberechtigung jenseits von Speichern, Modulen und Festplatten zu erlangen.

Keine Frage: Crystal Castles sind cool. Die Geschichte, wie sie sich kennen gerlernt haben, ist cool: Produzent Ethan Kath entdeckte Sängerin Alice Glass in einer Punkband und schickte ihr fertige Songs, auf denen sie dann sang. Die Legende der ersten Single Alice Practice ist cool: Eigentlich sollte das nur ein Mikrofon-Test sein, doch es wurde mitgeschnitten und schließlich als fertiger Song veröffentlicht. Die Interviews, in denen sie vom rauhen Leben inmitten von Junkies und Ratten in Toronto erzählen, das vor der Band-Karriere ihr Alltag war, sind cool. Ihre Konzerte, in denen die Sängerin gerne mal das Schlagzeug zerstört oder die Band einfach nach ein paar Minuten Chaos wieder die Bühne verlässt, sind cool. Und wenn Alice Glass in den Spiegel schaut, dann sieht sie die totale Coolness.

Die Idee, das morgen erscheinende zweite Album genauso wie das erste einfach Crystal Castles zu nennen, ist cool. Die Platte in einer Kirche in Island, einer selbstgebauten Hütte in Ontario und einer Garage hinter einem Kiosk in Detroit aufzunehmen, ist auch cool. Und die Selbstcharakterisierung von Crystal Castles könnte nicht cooler sein: „We are Crystal Castles, we are 1 boy and 1 girl, we are named after She-Ra’s home, we play rough.“

Kein Wunder also, dass Crystal Castles viel Eindruck gemacht haben. Ihr Debütalbum wählte der NME unter die 50 bedeutendsten Platten der Nullerjahre. Ihr Songs bei MySpace und last.fm wurden insgesamt mehr als 50 Millionen Mal angeklickt. Und Celestica, die an Saint Etienne erinnernde Vorab-Single zum zweiten Album, ist für Radio-1-DJ Zane Low einfach mal die „hottest record in the world“.

Es gibt nur ein Problem: Crystal Castles (II) ist extrem cool, aber nicht besonders gut. Es gibt hier viel experimentelle Elektronik, die man im psychischen Ausnahmezustand sicherlich enorm ansprechend findet. Das sägend-nervige Fainting Spells. Das übel gelaunte Doe Deer, das wohl das letzte Prodigy-Album rechts überholen will. Baptism, mit seinem Mix aus OMD und Justice so etwas wie eine perverse House-Hymne. Das irre Vietnam, bei dem Robocop am Schlagzeug zu sitzen scheint, und dass gekonnt ein Stina-Nordenstam-Sample androisiert.

Was es aber nicht gibt: Musik, die so gut ist, dass sie einen allein durch die Kraft des Sounds in den psychischen Ausnahmezustand versetzen kann. Und das sollte Musik eigentlich schaffen. Doch Empathy scheitert daran und bleibt eher so etwas wie eine Hot-Chip-B-Seite. Violent Dreams ist Air für Arme. So ähnlich wie Birds klangen womöglich die Stücke auf dem zweiten Klaxons-Album, das die Plattenfirma komplett in den Müll geschmissen hat. Pap Smear ist so etwas wie eine zurückhaltende Version von La Roux – und wer bräuchte so etwas?

Das alles ist kompetent gemacht, tanzbar und zur richtigen Zeit im richtigen Club bestimmt ein voller Erfolg. Aber dass man zu jedem Track vergleichsweise leicht eine Referenz findet, zeigt, wie wenig innovativ und experimentell dieser Sound in Wirklichkeit ist. Nicht cool.

Ein Clip zur hübschen Vorab-Single Celestica:

Crystal Castles bei MySpace.

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