Hingehört: Daft Punk – „Homework“ 6


Mit „Homework“ setzen sich Daft Punk an die Spitze der Clubmusik.

Künstler Daft Punk
Album Homework
Label Virgin
Erscheinungsjahr 1996
Bewertung ***1/2

„While 1977 was the year of punk, 1997 was most definitely the year of Daft Punk, the duo wowing fans at sold out venues and bulging festival dance tents“, behauptet die Great Rock Discography einfach mal. So falsch ist das gar nicht.

Thomas Bangaltar (sein Vater hatte in den 1970ern schon ein paar Discohits produziert) und Guy-Manuel de Homem Christo hatten sich 1987 in Paris kennengelernt, ab 1992 als „Darlin'“ Platten herausgebracht und Mitte der 1990er als „Daft Punk“ schon zwei Clubhits gehabt. Den Durchbruch brachte dann die Debüt-LP Homework, die in den 1997er-Jahres-Charts überall ganz oben auftauchte. Der Musikexpress wählte das Album auf Platz sechs und kam zu dem Urteil: „Mit ‚Homework‘ katapultieren sich Daft Punk an die Spitze moderner, innovativer Clubmusik, die Neues und Bekanntes in seltener Stringenz vereint.“

Das neue Element war dabei – wie zeitgleich auch bei den Kollegen Prodigy oder etwas später Fatboy Slim – der Einzug des Rock in die Dancemusic. Daft Punk leugnen nicht, dass sie auch von nichtelektronischen Künstlern beeinflusst sind und integrieren Aufbau und Wirkungsweisen der Rockmusik einfach in ihren 1970er-Jahre-Disco-Sound. Bester Beleg dafür ist das Stück Teachers, in dem die Franzosen ihre Lehrmeister aufzählen. Reichlich DJ’s tauchen da auf, aber auch Brian Wilson und Bob Marley.

Sie alle werden zitiert, doch aus den verschiedenen Einflüssen entwickeln Daft Punk einen eigenständigen Sound. „Das ist keine Hommage. Das blitzt vor Selbstbewusstsein, das ist ein Entwurf für hier und jetzt“, hat der Rolling Stone ganz richtig erkannt.

Dass Homework mehr als ein Puzzle aus Plagiaten ist, wird auch daran deutlich, dass nur ein einziges Sample kenntlich gemacht werden musste. Das restliche Fremdmaterial wurde so verändert oder zerstückelt, dass rechtliche Schwierigkeiten ausgeschlossen sind, dass Daft Punk keine Tantiemen abführen müssen – und dass das Werk eben als ihr ureigenes gelten kann.

Gerade, weil die Stücke in ihrem Sound meist erstaunlich minimalistisch und in ihrer Struktur durchweg enorm transparent sind, schaffen sie es sogar, einen im Dancebereich seltenen Wiedererkennungswert zu erreichen. Daft Punk haben „dem Anonymus House ein Gesicht gegeben, weil sie große Stilisten sind, grandiose Designer, die aus schlappen Gimmicks funktionale Elemente machen können“, meint der Rolling Stone zu Recht. Alles ist hier ganz praktisch gedacht und hat ein klares Ziel vor Augen: Der Hörer soll nicht staunen, sondern tanzen.

Beim fast nur aus Rhythmus bestehenden Revolution 909 gelingt das mit simpler laut-leise-Dynamik, einem abgedämpfen Bassdrum-Teil und der hochgepitchten Hi-hat-Strophe. Beim unwiderstehlichen Da Funk über ein verzerrtes Synthie-Riff als Leitmotiv und die auch nicht ganz unbekannte immer-noch-eine-Sequenz-dazu-Methode. Beide Stücke beziehen ihre Wucht keineswegs aus reichlich BPM, sondern aus einem ganz stoischen Beat, der nicht einmal daran denkt, sich von irgendetwas mitreißen zu lassen.

Erst Phoenix zieht das Tempo ein wenig an und setzt im Refrain auf eine Bass-Figur wie aus einem Computerspiel-Soundtrack. Fresh beginnt mit Meeresrauschen, auch die Musik nähert sich dann wie eine Welle, steigt immer ein wenig höher und löst sich selbst wieder ab. Zwei Orgelakkorde reichen dabei aus, um tatsächlich den Sommer einkehren zu lassen.

Around The World ist das bis dahin opulenteste Stück der Platte. Seit Video Killed The Radio Star hatte der Vocoder nicht mehr einen so prominenten Auftritt, dazu ein ganz klassisches quasi-Abba-Rhythmusfundament, das sich hier ganz reizend mit den Sequenzersprengseln neckt.

Dass Daft Punk nicht nur die subtile Gangart beherrschen, beweist dann Rollin‘ & Scratchin‘. Schon nach wenigen Sekunden wünscht man sich, von diesem brachialen Beat erlöst zu werden. Doch der gibt nicht nach, sammelt lieber neue Kämpfer um sich und martert munter weiter. In kurzen Ruhepausen lässt er dich ein wenig hoffen, um noch rabiater zurückzukehren und dir schließlich den letzten Atem zu rauben.

High Fidelity geht raus aus dem Club im Keller und eilt zum Strand in der Abendsonne, das fantastische Rock ‚N Roll rennt noch die paar Meter weiter bis zu dem Haus, in dem die Chemical Brothers wohnen, wo Oh Yeah dann volkommen durchzudrehen droht. Ein Killer.

Auch heute noch wunderhübsch: Der Clip zu Around The World:

Daft Punk bei MySpace.