Hingehört: David Guetta – „Nothing But The Beat“


Der Titel passt: "Nothing But The Beat" ist Funktionsmusik.

Der Titel passt: „Nothing But The Beat“ ist Funktionsmusik.

Künstler David Guetta
Album Nothing But The Beat
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

„Nein Mann, ich will noch nicht gehen. Ich will noch ein bisschen tanzen.“ So ist es. Oft. Man weiß nicht genau, was der Abend noch so bringen wird. Man weiß aber sehr genau, was der Alltag bereit hält. Im Zweifel: Sorgen.

Das ist ungefähr die Ausgangsposition für diese Zeile in Laserkraft 3Ds mittlerweile zum Faschingshit mutierten Klassiker Nein Mann. Und nicht ganz zufällig kommt in eben jenem Track ganz zu Anfang die Beschwerde über den lahmen DJ: „Nicht mal was von David Guetta macht er.“

Das passt perfekt, denn es zeigt zweierlei: 1. Die Musik von David Guetta ist der Inbegriff von Mainstream-Disco. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Wodka Red Bull und Ed Hardy. Somit auch: das Gegenteil von cool. 2. Die Musik von David Guetta ist der Inbegriff der Idee von Clubbing. Tanzen, feiern, flirten – um nichts anderes geht es hier. Somit auch: um nichts als Oberfläche.

Es gibt also eine Menge Gründe, David Guetta zu verabscheuen. Er sieht aus, als würde er privat gerne Hair Metal hören und passt damit kein bisschen in die durchgestylte Clubszene. In ein paar Wochen wird der Franzose 44 Jahre alt. Wenn Leute dieses Jahrgangs sich der Tanzfläche nähern, dann meint man normalerweise, es handele sich um einen aufgebrachten Papa, der seine Tochter heimholen will – und nicht um den DJ.

Noch dazu ist David Guetta penetrant erfolgreich (Nothing But The Beat erreichte die Top 10 unter anderem in Deutschland, Frankreich, England und den USA). Dazu kommen Texte (und Songtitel), deren Übersetzung mitunter selbst für die Atzen zu doof sein dürften und somit mitten im Proll-Revier landen. Wo sind die Weiber?, Kleines böses Mädchen oder Ich will einfach bloß f…. sind nur drei Beispiele auf Nothing But The Beat. All das sind tolle Argumente für Punkt 1 – und sie haben durchaus Gewicht.

Trotzdem muss es raus: David Guetta ist gut. Und das hat mit Punkt 2 zu tun. In seinen Songs geht es um Party, sonst nichts. Das ist Funktionsmusik. Das Ziel ist Eskapismus, Abschalten, im besten Falle Katharsis durch Tanzen. Im Titelsong bringt David Guetta das auf den Punkt. “So I go out and dance / party my problems away / in the club / nothing really matters.” So einfach ist das. Und es gibt momentan niemanden, der dieses Bedürfnis so treffsicher und massentauglich befriedigt wie David Guetta.

Nothing But The Beat, sein fünftes Album, ist entsprechend großkotzig gleich eine Doppel-CD geworden. CD1 wartet mit einer unfassbaren Riege von Gaststars auf und bietet mehr Chartbreaker als ein durchschnittlicher Bravo-Hits-Sampler. CD2 ist instrumental und zielt darauf ab, seine Fähigkeiten jenseits der gängigen Hitformel zu zeigen.

Flo Rida und Nicki Minaj toben sich über den Opener Where Them Girls At? aus. Die Idee, Snoop Dogg zu einem Eurodance-Track rappen zu lassen, klingt völlig abwegig, funktioniert auf Sweat aber glänzend. Night Of Your Life (mit Jennifer Hudson) ist beinahe ein Klon von Rihannas Only Girl, und nicht viel schlechter. Titanium (mit Sia) hat einen mächtigen Refrain und ein paar clevere La-Roux-Anleihen. Dann ist da noch das bereits erwähnte Nothing Really Matters (mit Will.I.Am). Am Anfang ist eine Gitarre, die bei Mr. Brightside entlehnt ist, dazu kommen Coldplay-Streicher, dann ein satter 4-to-the-floor-Beat und schließlich ein einigermaßen überraschender Ausflug in etwas aggressivere Electro-Gefilde. Das ist kein Meisterwerk, aber durchaus ein Manifest.

Dazu gibt es bisschen House von der Stange, und ab und zu drängt sich auch die Frage auf, warum David Guetta einige der prominentesten Stimmen der Popszene engagieren muss, wenn er sie dann via Autotune doch eh bloß alle wie der Crazy Frog klingen lässt. Auf CD2 zeigt David Guetta dann, dass er keineswegs bloß radiotaugliche Massenware im Angebot hat. The Alphabeat (hatte ich schon „großkotzig“ gesagt?) könnte auch von Justice oder Daft Punk stammen. Paris würde problemlos ins Repertoire von Hot Chip passen. Freilich klappt auch hier nicht alles: Sunshine (mit Avicii) klingt wie eine Ibiza-Version der schlimmsten Trittbrettfahrer, die Faithless einst mit Insomnia angelockt hatten. Bei The Future meint man kurz, DJ Bobo habe aus Versehen den Bassregler zu weit aufgedreht.

Natürlich ist das dumm, und es ist in seinen plumpsten Momenten (I Just Wanna F mit Timbaland und Dev) durchaus auch peinlich. Es ist, das ist das größte Manko bei David Guetta, Musik ohne Mysterium. Alles, was hier funktioniert, funktioniert sofort. Alles, was nicht unmittelbar zündet, offenbart auch später keinen Reiz mehr. Aber seien wir ehrlich: Die meisten Nächte sind viel zu kurz, um auf so etwas wie eine Entwicklung zu warten. Je schneller und länger es kracht, desto besser. Dann will man nicht gehen, sondern bloß ein bisschen tanzen.

Wenn das kein Eskapismus ist, dann weiß ich auch nicht mehr: David Guetta macht einen jungen Mann aus Indien sehr, sehr glücklich:

David Guetta bei MySpace.

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