Hingehört: Delta Spirit – „History From Below“


Künstler Delta Spirit

Delta Spirit machen auf "History From Below" den einsamen Cowboy.

Delta Spirit machen auf „History From Below“ den einsamen Cowboy.

Album History From Below
Label Rounder Records
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung

Es ist kein Wunder, dass diese Band aufhorchen lässt. Wenn 9/11 erklingt, dann muss man einfach gebannt sein. Egal, ob man in einer Kneipe sitzt (denn da gehört dieses Lied hin) oder in der Musikredaktion der FAZ (wo man in Delta Spirit die letzte Hoffnung des Folkrock entdeckt zu haben meint). Das ist genau die richtige Mischung aus Nonchalance und Schwung, dazu die Stimme von Matthew Vasquez, irgendwo zwischen Bob Dylan und Alec Ounsworth von Clap Your Hands Say Yeah (mit denen Delta Spirit übrigens eine ganze Weile auf Tour waren). Ein famoser Beginn.

Auch danach lässt einen History From Below, das zweite Album der Band aus Kalifornien, spielend leicht den großen Americana-Traum vom einsamen Cowboy in knüppelharten Zeiten träumen. Es wird wuchtig und dreckig (der von einem klasse Bass-Riff getriebene Bushwick Blues), es gibt mit White Table einen Flirt mit einer schönen Unbekannten (oder einer Flasche Whiskey), in Form von Golden State eine kleine Rauferei und mit St. Francis einen Song, der wie der Soundtrack zu einem Revolver-Duell klingt und dabei schon weiß um die Möglichkeit einer Trauerfeier (für den Verlierer) und eines Karnevals (für den Sieger). Im Breitwand-Sound von St. Francis taumelt unser Held dann durch eine Geisterstadt, deren Sheriff sicherlich einmal Tom Waits war (das Album ist im Prairie Sun Studio C in Cotati aufgenommen worden, wo Waits seit Jahren Stammgast ist).

Immer wieder liefern sich Gitarre und Gesang einen Wettstreit, wer von beiden nun verlorener klingen kann. Das Problem an History From Below ist aber: Schon der dritte Song, Salt In The Wound, nimmt den Fuß vom Gas, oder (angesichts der Szenerie und des hier gepflegten Rhythmus wohl passender) geht vom Galopp der beiden starken Auftaktstücke in einen gemächlichen Trab über. Und dann gibt es immer wieder den einsamen Cowboy am Lagerfeuer oder beim Sinnieren in den Weiten der Prärie.

Das wäre nicht schlimm. Beispielsweise Ryan Adams oder Cracker haben diesen Part schon ganz vorzüglich gespielt. Aber bei Delta Spirit funktionieren die Balladen nicht.

Das Problem ist: Die Stimme von Vasquez ist die eines Mannes, der Trauer kennt und keine Scheu hat, seine eigene Verletzlichkeit zu zeigen. Doch niemals ist er bereit, die eigene Schuld an seinem Unglück einzugestehen. Man kann ihm das nur vorwerfen, weil zu seiner Stimme (für die er nichts kann) auch entsprechende Larmoyanz in den Texten kommt: „Why am I here / or what should I do?“ heißen die nicht gerade kleinen Fragen in Salt In The Wound, doch Vasquez macht sich nicht selbst auf die Suche nach der Antwort, sondern er möchte sie geliefert bekommen: „I want to get an answer for why I was even born.“ Im akustischen (und sehr hübschen) Ransom Man heißt es „My trunk is hungry from neglect“, im halbdüsteren Scarecrow sind die Angebetete und das Schicksal verantwortlich für Unglück.

Deshalb bleibt History From Below handwerklich beeindruckend und in den beschwingten Momenten gelungen, wird aber niemals bewegend. Was wie Sehnsucht klingen soll, ist bloß Selbstmitleid.

Delta Spirit spielen den Bushwick Blues akustisch:

Delta Spirit bei MySpace.

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