Hingehört: Der König tanzt – „Der König tanzt“


Sprechgesang? Das sind bei Der König tanzt sechs Buchstaben zu viel.

Sprechgesang? Das sind bei Der König tanzt sechs Buchstaben zu viel.

Künstler Der König tanzt
Album Der König tanzt
Label Fettes Brot Schallplatten
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Der König tanzt. Nicht auf den Gräbern seiner Bandkollegen. Aber doch unfassbar laut, ungehemmt und lebensfroh mitten in einem Hotel, in dem an allen anderen Zimmertüren ein „Bitte nicht stören“-Schild hängt. „Fettes Brot ruht“, heißt nämlich die beschwichtigende Botschaft auf seiner Homepage.

Das führt zur Frage, warum Boris Lauterbach a.k.a. König Boris da nicht ebenfalls stillhalten will und stattdessen nun ein eigenes Projekt macht. Die Frage wird noch dringlicher (und die Sorge aller Fans, die um die Zukunft von Fettes Brot fürchten noch unbegründeter), wenn man weiß, dass bei zwei dieser zwölf Tracks Doktor Renz mitgearbeitet hat, und dass König Boris im Booklet an erster Stelle seinen beiden Bandkollegen dankt.

Ganz einfach ist diese Frage zunächst auch dann nicht zu beantworten, wenn man Der König tanzt gehört hat. Die Texte sind schlau, die Themen sind brandaktuell, die Stimmung ist gut – so war das auch bei Fettes Brot schon immer. Gerne wird es ein bisschen politisch, und auch für die eine oder andere Sentimentalität ist Platz am Hof des tanzenden Königs. „Schläger Move“, soll dieses Genre heißen, schlägt der Infotext der Plattenfirma vor. Auch „Schrill Wave“ und sogar „Protestmusik“ werden genannt. Vielleicht am treffendsten ist diese Schublade: „Bad Dream Pop für die schlaflosen Nächte der modernen Seele.“

Denn dieses Label führt auch zur Antwort auf die Frage, warum König Boris ein Soloalbum braucht. Ganz einfach: Der König tanzt ist kein HipHop mehr. Die Songs klingen durchweg, als seien sie im Bandkontext entstanden (was sie womöglich auch sind), nicht durch Studiotüftelei mit möglichst coolen Samples. Fast immer gibt hier der Bass den Ton an, nicht mehr der Beat. Und vor allem gibt es auf dieser Platte quasi keinen Rap mehr. Der König tanzt jetzt – und er singt.

Dass man diesen kleinen, aber feinen Unterschied fast gar nicht wahrnimmt, ist der beste Beleg dafür, wie gut diese Platte ist. Die Single Alles dreht sich ist genau so, wie eine Single sein soll: eine Partyhymne mit einem Killerrefrain, aufregend, energisch und optimistisch. Gleich danach zeigt Nur für 1 Tag, dass Nostalgie auch schwungvoll sein kann.

Der König tanzt könnte mitten aus den Eighties stammen, wenn der Text nicht so einfühlsam und erbaulich wäre, wie es dieses Jahrzehnt niemals hätte sein können. Auch hier ist der Refrain ein Wirbelwind, der genau das ausdrückt, was im Kern dieses Songs steht: die Ausgelassenheit und Selbstvergessenheit, wie man sie in den besten Momenten auf der Tanzfläche erleben kann.

Die Genres springen weiter wild durcheinander: Häuserwand ist Disco mit Gitarrensolo, Schwanenteich baut balearische Elemente ein, L.U.C.I. macht klar, dass beim Tanz der Vampire auch mal Funk gespielt wird, Niemals zu Stein eifert New Order nach, Der Stoff aus dem die Träume sind vereint New Wave mit Soul und, schon wieder, einem Hammer-Refrain. Wunderbare Zeiten ist am Schluss die pure Härte (und ein garantierter Festival-Feger), irgendwo zwischen The Prodigy und Deichkind. Dazwischen ist auch Platz für Spielereien wie die Lautmalerei und das Spiel mit Effekten in Foto.

In Summe ist das nichts anderes als Popmusik, die auch von Hot Chip oder Kylie kommen könnte, von Kraftklub oder gelegentlich gar von Alexander Marcus. Trotzdem ist diese Platte immer authentisch, immer forsch und immer kurzweilig. Der König tanzt – Applaus!

Ausgelassen und verspielt – so ist auch das Video zu Alles dreht sich:

Der König tanzt bei Facebook.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.