Hingehört: Die Ärzte – „Jazz ist anders“ 3


"Jazz ist anders" fehlen gute Ideen - und ein funktionierender Shit-Detector.

Künstler Die Ärzte
Album Jazz ist anders
Label Hot Action Records
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung **

Verwackelte Bilder aus dem Dschungel von Vietnam. Musik von Mike Post. Ein paar Action-Sequenzen mit rauchenden Colts und quietschenden Reifen. Und dann sind sie wieder da: das Ä-Team. Der Chefdenker, der es liebt, wenn ein Plan funktioniert (Farin Urlaub). Der Typ, der zwischen den Einsätzen offensichtlich am sichersten in der Klapse untergebracht ist (Bela B.). Und der aalglatte Frauenschwarm mit dem schmierigen Grinsen (Rodrigo Gonzalez). Sie kämpfen gegen die Bösen (Nazis, Chauvis, Zensur), sie stehen für das Gute (Spaß, Witz, Leichtigkeit). Und wenn sie in arge Bedrängnis geraten, bauen sie aus ein paar scheinbar harmlosen Zutaten (Gitarre, Schlagzeug, Bass) mörderische Waffen und erringen doch noch den Sieg.

So schien es auch diesmal zu sein. Die Vorab-Single Junge ist ein Glanzstück, selbst für Ärzte-Verhältnisse. Die Musik schmissig, treffend, wild. Der Text schlau, fies und so sehr im Leben eines 15-Jährigen wie all die besten Ärzte-Stücke von Zu spät bis Rebell.

In diese Kategorie passt auch das starke Lasse redn. Ein Disco-Beat (!) treibt den Song voran, und in nicht mal drei Minuten kriegen dann nervende Nachbarn, blöde Bild-Leser und Mode-Faschisten ihr Fett weg. Auch das hübsche Liebeslied Perfekt schmückt den Ärzte-Katalog, auch wenn man den etwas schlimmen Gedanken nicht aus dem Kopf kriegt, dass Bela B. da womöglich gerade über Sarah Kuttner singt. Living Hell schafft es schließlich, mit dem typischen Ärzte-Augenzwinkern all die von Ruhm und Geld und Fans genervten Stars auf die Schippe zu nehmen.

Was Attitüde ist, wissen die Ärzte noch immer sehr genau. Das machen Stücke wie die Düster-Ballade Nur einen Kuss oder Belas Vampir-Spinnerei Licht am Ende des Sarges deutlich, die handwerklich perfekt sind und vor lauter Ironie beinahe zerbersten. Das Problem ist nur: Viel mehr als Attitüde ist hier oft nicht. Vieles ist durchschnittlich, das meiste nicht halb so lustig, wie die Ärzte es wohl meinten. Blödsinn wie Breit, Allein oder Niedliches Liebeslied ist schlicht überflüssig. Das Erschreckendste: Neben der Botschaft von der eigenen Coolness und Könnerschaft scheinen die Ärzte nicht mehr viel zu sagen zu haben.

Es fehlt hier eindeutig an ein paar guten Ideen. Und auf dem ersten Album, das Die Ärzte auch selbst produziert haben, an jemandem, der ihnen die schlechten Ideen ausredet. Für den nächsten Einsatz braucht das Ä-Team eindeutig wieder Verstärkung. Es muss ja nicht gleich Mr. (Mousse) T. sein.

Junge ist das Highlight der Platte, und hier gibt es eine recht originelle Abwandlung des Videos, starring Bart Simpson:

Eine Ärzte-Fan-Page bei MySpace.


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