Die Ärzte – „Nach uns die Sintflut“ 2


Künstler Die Ärzte

„Nach uns die Sintflut“: Nichts als Spaß von den Ärzten.

Album Nach uns die Sintflut
Label CBS
Erscheinungsjahr 1988
Bewertung

Ein Freund von mir spricht sehr gerne von „Generation-Bands“. Damit meint er Gruppen, die ganze Jahrgänge von jungen Menschen geprägt haben, in der entscheidenden Phase zwischen zwölf und zwanzig. Er will das nicht zugeben, aber meiner Meinung nach sind Die Ärzte eine unserer Generation-Bands. Die Mädchen sind auf Depeche Mode abgefahren, die Jungs haben Ärzte gehört. So war das – vereinfacht gesagt – Ende der 1980er. Auch deshalb ist Nach uns die Sintflut eines dieser Alben, die von einer schlecht überspielten Cassette auf einem Ghettoblaster am besten klingen.

Dass vor allem Kids ihre Platten, Konzertkarten und T-Shirts kauften, war von den Berlinern auch durchaus so gewollt. „Die Ärzte“ haben sie sich schließlich genannt, weil sie mit ihren Liedern pubertären Liebeskummer zu heilen versprachen. „Wir wollten etwas noch Dümmeres machen als die Neue Deutsche Welle, und das ist uns auch voll gelungen“, so Bela B. Der einzige Anspruch war Spaß, und das hat sich bis heute nicht geändert.

Deutschsprachige Popmusik jenseits des Schlagers scheint ja sowieso nur dann erfolgreich sein zu können, wenn sie einen gehörigen Klamauk-Faktor beinhaltet. Das war schon bei Falco so, während der Neuen Deutschen Welle und auch bei den Toten Hosen. Selbst der deutsche Sprechgesang wurde vor allem durch Blödelei etabliert.

Auch die Gitarrenzunft bedient sich noch gerne jedes verfügbaren Kalauers. Tocotronic oder die Sportfreunde Stiller etwa sollten Die Ärzte eigentlich als Überväter verehren. Denn Bela B. und Farin Urlaub haben ihnen nicht nur den Weg geebnet, sondern schaffen es noch immer, die eigenen Coolness-Rekorde zu brechen. Nach fünf Jahren ein Riesen-Comeback mit einem Anti-Nazi-Song, danach ein Konzeptalbum über Haare, ein Video mit Lara Croft, ein eigener Comic-Verlag: ungeschlagen.

Unsterblich waren Die Ärzte bereits 1988. Der Split war beschlossen, die Abschiedstour ein Triumphzug, das Live-Dokument voller Klassiker. Das Intro steigert die Vorfreude, und dann geht´s ab: Radio brennt, natürlich jede Zeile mitgesungen. Bis (Ich ess) Blumen sind die Fans aus dem Häuschen, ab Buddy Holly´s Brille gibt es kein Halten mehr. Der Song macht auch die Qualitäten der Doktoren am deutlichsten: kompetenter Rock´n Roll, massentaugliche Melodien und Texte, die bestens in die 1980er passten – jede Zeile ein Slogan, zumindest aber eine Pointe.

Der Schlussteil der ersten CD zelebriert Funpunk auf höchstem Niveau. Nicht viele deutsche Bands würden eine solche Aneinanderreihung von Hymnen hinbekommen: Westerland, 2000 Mädchen, Du willst mich küssen und Wie am ersten Tag.

Von da an können sich Die Ärzte alles erlauben – und das machen sie auch, bis heute. In ein Potpourri aus aktuellen Chart-Hits von Taylor Dayne, Kylie Minougue oder Bros betten sie Zu spät ein. So souverän wurde in Deutschland selten mit Popmusik umgegangen. Und nicht oft wurden hierzulande Lieder geschrieben, die nach 13 Jahren immer noch angetrunkene Teenager bei ihrer ersten Party mitgrölen.

Die erste Zugabe ist das damals wie heute vehement geforderte Elke. Auch danach vor allem Stücke aus der Frühphase. Claudia, das den Ärzten reichlich Ärger mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und noch mehr Publicity einbrachte, die fast-Schlager-Nummer Roter Minirock, das ungeschlagene Teenager Liebe und schließlich der Kracher Vollmilch. Du trinkst Whisky / er trinkt Bier / ich trink Vollmilch.

Danach ein getarntes AC/DC-Cover, dann in Uns geht´s prima die Zeile „jeden Morgen essen wir eine Tüte Gummibären / und wenn die Sonne scheint, dann essen wir Eis am Stiel“, schließlich fast zwanzig Minuten lang platte Witze. Wie gesagt: Sie können sich alles erlauben. Das Highlight ist der Schluss. Die Ärzte bringen die Mädchen im Publikum dazu „Schwanz ab, Schwanz ab“ zu schreien, die Jungs antworten versetzt mit „Runter mit dem Männlichkeitswahn“. Eine Fuge, ein Kanon, und der eindeutige Beweis: eine Generation-Band.

Eine Live-Version von Zu Spät aus dem Jahr 1988:

Organisierte Ärzte-Fans bei MySpace.


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