Hingehört: Elliott Murphy – „It Takes A Worried Man“


Ohne Reue blick Elliott Murphy auf seine 40-jährige Karriere zurück.

Ohne Reue blick Elliott Murphy auf seine 40-jährige Karriere zurück.

Künstler Elliott Murphy
Album It Takes A Worried Man
Label Blue Rose
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung **1/2

Man könnte meinen, mit Amerika habe Elliott Murphy nicht mehr viel am Hut. It Takes A Worried Man, das 33. Album seiner Karriere, hat der gebürtige New Yorker, der seit mehr als 20 Jahren in Frankreich lebt, unter anderem in Belgien aufgenommen, mit Mitstreitern aus Frankreich und für eine deutsche Plattenfirma.

Eine gute Dosis Entfremdung von der Heimat könnte man sogar nachvollziehen. Die USA sind heute ein ganz anderes Land als vor 40 Jahren, als Murphys erster Longplayer Aquashow erschien: Der Präsident ist nicht Nixon, sondern Obama, die US-Truppen ziehen nicht aus Vietnam ab, sondern aus Afghanistan, und statt einer Öl- gibt es eine stattliche Finanzkrise. Doch Elliott Murphy trägt die Geschichte, die Kultur, den Sound seines Heimatlandes so sehr im Herzen wie nur irgendjemand.

Auf It Takes A Worried Man gibt es reichlich Beweise dafür, und der eindeutigste davon ist Eternal Highway kurz vor Ende des Albums. Das Lied lässt zwangsläufig Trucker-Romantik aufkommen, mit viel Entspanntheit und einem kleinen Rest von Abenteuerlust. Vor allem aber beeindruckt es mit seinem fast stoischen Blick auf die Endlichkeit des Daseins. Jede Straße ist irgendwann zu Ende, jeder Tank ist irgendwann leer, jedes Leben ist vergänglich. „I might be burning with light / but my flame will go out one day, I know, I know“, singt Elliott Murphy zu beinahe prototypischen Americana-Klängen (inklusive Mundharmonika). Doch es ist keine Spur von Fatalismus dabei. Dieser Mann, gerade 64 Jahre alt geworden, ist schlicht und ergreifend mit sich im Reinen.

Noch klarer wird das ein Lied später, im Rausschmeißer Even Steven. Nur Gesang und Klavier gibt es da, und dazu diese Zeilen: „Success is such a dirty word / it changes meaning all the time / And what I have that I know is mine / is not the same as I wanted when I was 29 / you tell me who my heroes are / no fucking falling rock stars.” Das zeigt: Elliott Murphy, einst (wie so viele) als “neuer Dylan” gefeiert und im Dunstkreis von Velvet Underground, den Ramones, Patti Smith oder den Talking Heads an der Spitze dessen, was als musikalisch wegweisend galt, trauert keiner einzigen verpassten Chance nach, auch wenn er es nie ganz nach oben in den Hitparaden geschafft hat.

Dieser Blick zurück ohne Zorn ist beinahe ein Leitmotiv auf It Takes A Worried Man. In Day For Night, mit schönem Drive und einer etwas düsteren Tarantino-Atmosphäre, gesteht Murphy selbst: „It’s a long way back to 1972.“ Aber auch hier spürt man überdeutlich seine Freude an dem, was er jetzt hat, an der Gegenwart.

Dazu gibt es auch allen Grund: Olivier Durand zeigt wieder sein Können als Gitarrist (und hat an einigen Stücken auch mitgeschrieben), dazu glänzen die übrigen bewährten Normandy All Stars: Laurent Pardo (Bass) und Alan Fatras (Schlagzeug). Auch Gaspard Murphy, der Sohn des Altmeisters, trägt als Produzent und Musiker einen guten Teil zu einem unspektakulären, aber sehr souveränen Americana-Album bei.

Litte Bit More profitiert von einer schönen Trompete und klingt wie Bruce Springsteen, wenn der sich mal ein Stückchen zurücklehnt. I Am Empty beginnt akustisch und gebrochen, wird nach dem ersten Refrain aber zu einer trotzigen Kampfansage, an deren Ende ein üppiges Gitarrensolo steht, und in der Patti Scialfa (die Ehefrau von Bruce Springsteen) sehr hübschen Hintergrundgesang beisteuert. Little Big Man hat reichlich kalifornische Luft geatmet, ist dezent tanzbar irgendwo in der Nähe von beschwingteren Eagles-Songs und hat die schönste Zeile des Albums zu bieten: „Love’s a tired idea / but it’s making a fast comeback.“

Im folkigen Titelsong kommt Murphys eigenartige Stimme am besten zur Geltung. Man kann sich wenige Sänger vorstellen, aus deren Mund die Zeilen „It takes a worried man / to sing a worried song“ so überzeugend klingen würden. Und was es ist, was Elliott Murphy im Jahr 2013 beunruhigt? Die Unberechenbarkeit der Liebe (He’s Gone), die Stolpersteine des Lebens (Then You Start Crying) oder die Kraft, die die Versuchung auch auf einen 64-Jährigen noch ausüben kann (das knackige, in der Nähe von Tom Petty anzusiedelnde Angeline).

Die Musik ist ganz unzweifelhaft die Medizin, mit der Elliott Murphy längst gelernt hat, all das zu ertragen. It Takes A Worried Man hört man an, wie sehr er es nach wie vor genießt, zusammen mit ein paar Kumpels zu rocken. Der vierte Track des Albums ist wieder so einer, der reichlich von dieser Lust auf Musik verströmt, mit ein bisschen Nostalgie, aber keiner Spur von Reue. Er heißt so, wie die wahre Heimat von Elliott Murphy, die längst weder in New York noch in Paris liegt. Sondern in Murphyland.

Elliott Murphy spielt Angeline live:

Homepage von Elliott Murphy.

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