Hingehört: Elvis Costello – „The Very Best Of“ 6


„The Very Best Of“ von Elvis Costello: So geht altern in Würde.

Künstler Elvis Costello
Album The Very Best Of
Label Universal
Erscheinungsjahr 1999
Bewertung ****

Ein Rockstar zu werden, ist gar nicht so leicht. Noch schwieriger ist es allerdings, als Rockstar in Würde zu altern. Die Stones haben es geschafft und Neil Young. Paul Weller ist auf dem besten Weg. Und auch Elvis Costello hat die Kurve gekriegt. Welch erstaunliche Karriere der als Declan Patrick McManus geborene Brite dabei durchlaufen hat, belegt The Very Best of Elvis Costello, nicht streng chronologisch, aber doch in Etappen gegliedert.

Am Anfang steht Rock ohne Schnörkel. Tom Petty ist gar nicht so weit weg, noch einer dieser Kandidaten für das stilvolle Ergrauen. Überhaupt sind Referenzen für den frühen Costello leicht zu finden. Und man kann dabei durchaus die erste Garde anführen, wie es der Rolling Stone getan hat, der Costello die „Intelligenz von Randy Newman, die Unduldsamkeit eines Bob Dylan, den Jedermann-Pathos wie bei Buddy Holly, die Originalität John Lennons“ attestierte. Die Messlatte liegt also verdammt hoch, doch Costello reißt nie und touchiert auch nur selten.

Oliver´s Army etwa vereint klassisches Songwriting à la Cole Porter mit der Unmittelbarkeit des Punk. Dass Elvis Costello damals trotz allem Klassizismus mitten in seiner Zeit stand, beweist Watching The Detectives, mit Ska-Anleihen (wie sie damals etwa auch bei Police gern genommen waren) und einem späte-1970er-Prototyp-Sound, auf den Produzent Nick Lowe längst ein Patent hätte anmelden können. Auch er trug damit seinen Teil dazu bei, dass Costello binnen kürzester Zeit zur ganz großen Nummer wurde, Hits inklusive.

Allen voran natürlich Alison. So sanft, zärtlich und wundervoll, dass eine ganze Generation neugeborener Mädchen diesen Namen verpasst bekam. Alison hat ihren Cameo-Auftritt auch in (I Don´t Want To Go To) Chelsea, das musikalisch aber eher an The Clash erinnert. Frappierend, wie gut Costellos Stimme zu beiden Songs passt, wie er den Romantiker und den Zyniker gleichermaßen glaubwürdig und gleichermaßen innig verkörpert.

Die zweite Phase begann sehr früh in den 1980ern, irgendwo zwischen den Alben Get Happy!, Trust und Almost Blue. New Wave war angesagt, konnte Costello aber wohl wenig geben,denn den Minimalismus hatte er schon vom Punk gelernt. Als ob er bereits spürte, dass die Zeiten nach vorne eilen, während er sich aber rückwärts wendet, wurden die Texte noch heimatloser, die Songs erstmals anachronistisch. Eben ein Man Out Of Time. Dass ausgerechnet der selbst für ihn untypische Schleicher Good Year For The Roses ein veritabler Hit wurde, wird Costello mit Humor genommen haben.

Wie lächerlich Erfolg, Ruhm und die Rockstars entgegengebrachte Aufmerksamkeit sind, hatte er ohnehin spätestens 1979 gelernt, als er mit rassistischen Äußerungen im volltrunkenen Zustand in den USA einen veritablen Skandal auslöste. In den Staaten hatte es sich mit Hits danach erledigt, und auch in Europa schien Costellos Stern im Sinken zu sein.

Dementsprechend ist diese mittlere Phase seines Schaffens in dieser Werkschau auch nur mit den gelegentlichen Highlights vertreten. Everyday I Write The Book, etwa. Der Rhythmus leichtfüßig, die Melodie unwiderstehlich, die Produktion zeitgemäß. Oder Indoor Fireworks, komplett akustisch, ungemein warm, Costellos Stimme ganz direkt und brüchig. Noch intensiver geraten die sechseinhalb Minuten von I Want You. Jeder Gitarrenakkord ein Stachel, jeder Snare-Schlag ein Peitschenhieb. Der Gesang ohne Hoffnung, aber voller Sehnsucht. Natürlich konnte Costello auch noch nölen und Krach machen, woran Tokyo Storm Warning keinen Zweifel lässt. Doch der Weg führte weg vom Rock.

In der dritten Phase hat Costello die Stromgitarren fast hinter sich gelassen, ist angekommen in Pianobars, am Kamin und in der Royal Albert Hall. Mit Burt Bacharach. God Give Me Strength variiert zwar nur Costellos altes Thema des Hilfesuchenden, ist musikalisch aber eine ganz andere Welt als, sagen wir, Pump It Up. Darüberhinaus natürlich zum Heulen schön. „Since I´ve lost the power to pretend / that there could ever be an happy ending / that song is sung / God give me strength.“ Dieser Song und die Zusammenarbeit mit dem Altmeister waren für Costello der Ritterschlag. Der Mann mit der Brille ist ein Klassiker – und er hat es sich verdient.

Sehenswert, allein wegen des Karo-Sakkos: Oliver’s Army, 1979 live bei Top Of The Pops:

Elvis Costello bei MySpace.


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