Hingehört: Emmy The Great – „Virtue“


"Virtue" bietet feine Songkunst, wie bloß geträumt.

„Virtue“ bietet feine Songkunst, wie bloß geträumt.

Künstler Emmy The Great
Album Virtue
Label Close Harbour Records
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

„Der irdische Ruhm ist nicht mehr als ein Windhauch, der bald von hier und bald von dorther weht und seinen Namen ändert wie die Richtung.“

Das schreibt Dante Alighieri in seiner Göttlichen Komödie. Emma-Lee Moss wird wissen, was er damit meint. Denn es ist noch nicht lange her, da spielte sie in einer Band gemeinsam mit Florence Welch. Und während die Freundin von einst als Florence & The Machine mittlerweile mit Preisen überhäuft wird und das aktuelle Album Ceremonials in England auf Platz 1 und in den USA auf Platz 6 der Charts gebracht hat, muss Emma als Emmy The Great immer noch kleine Brötchen backen. Virtue, ihr zweites Album, wurde über Crowdfunding finanziert. Die Fans investieren dabei in den Künstler, und wenn es gut läuft, kriegen sie ein bisschen etwas von ihrem Einsatz zurück.

Warum es für Emmy The Great nicht ähnlich erfolgreich läuft, ist nicht leicht zu erklären. Virtue ist voll mit gekonntem Songwriting und schlauen Texten. Emmy The Great singt durchweg bezaubernd von Selbstbestimmung, fantastischen Wesen und natürlich der Liebe.

Eigentlich war Virtue als Konzeptalbum gedacht mit vielen Fabelwesen und historischen Figuren. Das erklärt Songtitel wie Dinosaur Sex (den verträumten Auftakt der Platte) oder Cassandra (das ganz akustisch beginnt und dann mit seiner Sixties-Atmosphäre große Klasse entwickelt). Doch dann zerbrach Emmas langjährige Beziehung kurz vor der Hochzeit – und natürlich wurde diese Krise zusätzlich in den Songs thematisiert.

Das hoch komplexe A Woman, A Woman, A Century Of Sleep ist das offenkundigste Dokument dieser Phase. “You might think I was a house / but I am a woman, a woman”, singt Emmy The Great und malt ein Leben, in dem ihr nichts bleibt als die Fürsorge für den eigenen Garten, als Horrorszenario an die Wand. Auch die Musik steckt voller Aufbegehren und Emanzipation. „Outright feminist“, nennt der Daily Mirror diese Lieder sogar.

Das ist freilich irreführend. Bei Emmy The Great wird keine Politik gemacht. Sie agitiert nicht, sondern sie fühlt, erzählt und träumt. Die Single Iris zählt zu den Höhenpunkten. Der Bass sorgt für Unruhe, das Schlagzeug spielt einen Beinahe-Marsch und am Ende geht Emmy The Great ganz und gar auf in ihrem Lied. Paper Forest (In The Afterglow Of Rapture) ist wunderhübsch, mit einer herrlichen Harfe und faszinierenden Gesangs-Spielereien.

Cassandra hat die Schwermut und Monotonie von Velvet Underground, was einen feinen Kontrast zur zuckersüßen Stimme schafft. Das ausladende Exit Night/Juliet’s Theme, das an die ambitioniertesten Momente von The Beautiful South denken lässt, kann man mit dem ultra-hohen Gesang und der wehmütigen Orgel fast sphärisch nennen. Der Rausschmeißer Trellick Tower ist ein moderner Gospelsong höchster Güte.

Die Antwort auf die Frage, warum Emmy The Great mit diesen sehr eleganten Songs zwischen Folk und Pop, zwischen Kate Bush und Belle & Sebastian, nicht längst durchgestartet ist, liegt wahrscheinlich in ihrem eigenen Zögern. Im Vergleich zum Debütalbum First Love gibt es zwar weniger Gitarrenpicking, weniger Zerbrechlichkeit und mehr Opulenz (immer wieder kommen beispielsweise sehr effektvolle Chöre zum Einsatz). Aber auch auf Virtue klingt fast alles wie bloß geträumt. Emmy The Great scheint das selbst zu ahnen, denn in Sylvia – einem seltenen Moment der Unbedingtheit, der sofort für den spannendsten Song des Albums sorgt – fasst sie das selbst in gewohnt wundervolle Worte: „Time goes by so idly / writing in your diary / and every line the same / that if this is life / then why does it feel like I’m dreaming?“

Ob das die Schwiergermutter geworden wäre? Emmy The Great unscheinbart sich durch das Video von Paper Forest (In The Afterglow Of Rapture):

Emmy The Great bei MySpace.

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