Hingehört: Friska Viljor – „The Beginning Of The Beginning Of The End“


Friska Viljor: Nur zwei Leute, aber ganz viel Romantik.

Friska Viljor: Nur zwei Leute, aber ganz viel Romantik.

Künstler Friska Viljor
Album The Beginning Of The Beginning Of The End
Label Haldern Pop
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

Es gibt verschiedene Phasen im Leben eines Musikfans. Die erste ist die Prägephase. Wenn man Glück hat, dann gibt einem das Umfeld schon klasse Einflüsse mit auf den Weg (so wie ich, der natürlich die Kinks, The Who und ähm, Chris de Burgh schon mit der Muttermilch aufgesogen hat). Wenn man Pech hat, dann gibt es nur Volksmusik, Schlager oder gar keine Musik – solche Kinder wollen dann später unbedingt rebellieren und müssen ihr bemitleidenswertes Dasein als Linkin-Park-Fans fristen.

Dann kommt die Knauserphase. Man findet Vieles spannend, muss sich aufgrund des leider begrenzten Taschengelds aber für wenige Eckpunkte entscheiden. Da kann das Schicksal ebenfalls noch einmal schlimme Streiche spielen. Roxette oder Vanilla Ice? Oasis oder Radiohead? The Strokes oder Starsailor? Man kann froh sein, wenn man an solchen Eckpunkten des Lebens die Weichen in die richtige Richtung stellt.

Es folgt die lustigste Phase: das Leben als Musiksnob. Über die Tatsache, dass Eltern, ältere Geschwister, Radiosender und die Höhe des Taschengelds eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung des eigenen Musikgeschmacks gespielt haben, blickt man in dieser Phase galant hinweg. Und man setzt zudem seine eigenen Vorlieben als absolut. Es gibt längst feste Koordinaten, innerhalb derer man ausgewiesener Experte ist – und alles außerhalb dieser Koordinaten kann man problemlos ignorieren, weil man natürlich weiß (und auf Nachfrage auch gerne ausführlich begründen kann): Ist eh kacke.

Wenn man sich ganz viel Mühe gibt, kann man die Snobphase auf 12 bis 15 Jahre ausdehnen, doch danach folgt unweigerlich das letzte und längste Kapitel: die Alles-schon-mal-dagewesen-Phase. Natürlich stößt man auch in diesem letzten Zeitalter seiner Musikfanbiographie noch regelmäßig auf neue Bands, tolle Lieder, sogar exotische Genres. Doch, machen wir uns nichts vor: Stets erliegt man in dieser Phase dem Reflex einer historischen Einordnung, eines Vergleichs, einer Referenz. Und das nimmt dem Neuen ein ganzes Stück von seinem Reiz.

Umso schöner ist es, wenn man auch innerhalb dieser Routine (und ich streite gar nicht ab, dass ich mittlerweile diese Phase erreicht habe) noch ein Album entdecken kann, das einen auf Anhieb begeistert. The Beginning Of The Beginning Of The End ist dieses Album. Die Schweden von Friska Viljor haben es gemacht. Es ist das vierte Album des Duos, bestehend aus Joakim Sveningsson und Daniel Johansson. Und es ist schlicht nicht vorstellbar, dass es irgendwo auf der Welt einen Menschen gibt, dem The Beginning Of The Beginning Of The End nicht gefallen wird.

Vergleiche und Referenzen lassen sich natürlich auch hier finden. So forsch wie Supergrass und dazu noch mit dem Bläser-Schmackes von Come On Eileen kommt zum Auftakt Larionov daher (womöglich benannt nach einer russischen Eishockey-Legende). Danach besticht Come On mit Orgel und betrübter Stimme, You Meant Nothing setzt auf Walzertakt und Arcade-Fire-Chor. My Thing ist, Achtung!, zu gleichen Teilen Brecht/Weill und Lennon/McCartney. Den schmissigen Beinahe-Soul von What You Gonna Do hätten die Landsmänner von Mando Diao bestimmt auch gerne in ihrem Repertoire.

Dass bei all dieser Vielfalt nur zwei Leute am Werk sind, mag man kaum glauben, aber Friska Viljor beherrschen Country (Did You Really Think You Could Change) ebenso wie stark in der Nähe der Shout Out Louds angesiedelte Eighties-Spielereien (Passionseeker). Vor allem aber erweisen sie sich als große, liebenswerte, unverbesserliche Romantiker. Das grandiose Malou ist dafür das Paradebeispiel. Es geht um Eifersucht, Stolz, Reue, Sehnsucht und all den anderen Scheiß, der zwischen Männern und Frauen sogar dann noch bedeutend bleibt, wenn sie schon längst nicht mehr zusammen sind.

„Statt, wie beim Erstling, fröhliche Musik zu traurigen Texten und umgekehrt, haben wir jetzt die Melancholie der Texte mit trauriger Musik verstärkt – und umgekehrt“, erklären Friska Viljor ihre Herangehensweise. Wer das nicht versteht, muss bloß Useless hören. “Your eyes are clear / and your mouth is near / is that your heart I hear? / there’s so much I fear”, lautet der Schüttelreim im Refrain. Das kann man zweifelsohne lyrischer ausdrücken, aber Friska Viljor beweisen mit ihren durchaus gewitzten Texten an anderen Stellen, dass diese Zeilen hier absichtlich plump sind. Useless erinnert damit etwa an die Naivität der frühen Beatles – und an die Tatsache, dass eine ewige Wahrheit auch nicht dadurch wahrer wird, dass man sie in noch hübschere Worte packt. „Oh, you don’t want me /… / it’s so empty in this bed where I lie“ – so schlicht (und beschissen) fühlt sich das nunmal an. Wenn sich am Ende dazu ein ganzes Orchester in höchste Höhen aufschwingt, dann ist das ein herrlich absurder Gegensatz zwischen (trivialem) Inhalt und (elaborierter) Form.

Auch To Be Alone setzt auf dieses Konzept, wenn auch in etwas weniger extremer Form. Die Melodie erinnert ein bisschen an das Traditional 500 Miles (so etwas kennt man eben, wenn man in der Alles-schon-mal-dagewesen-Routine-Phase angekommen ist), und die Botschaft ist so einfach wie sympathisch: Gefühle sind eben nicht sophisticated. Das ist ja das Schöne an ihnen.

Im Interview bei Altona TV erzählen Friska Viljor unter anderem, warum sie nicht mehr als „diese zwei Trinker, die traurige Lieder über fiese Frauen singen“ wahrgenommen werden wollen:

Friska Viljor bei MySpace.

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