Gossip – „A Joyful Noise“


Künstler Gossip

Auf "A Joyful Noise" setzen Gossip endgültig auf Pop - und scheitern.

Auf „A Joyful Noise“ setzen Gossip endgültig auf Pop – und scheitern.

Album A Joyful Noise
Label Columbia
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Wer Beth Ditto angesichts ihrer Figur für nicht allzu beweglich hält, der sollte sich dringend einmal ein Konzert von Gossip anschauen. Da fegt die Sängerin über die Bühne, springt ins Publikum und klettert auch schon mal auf die Tribünen.

Beweglichkeit ist auch musikalisch von ihr gefragt. Nach dem Sensationserfolg des Hammerhits Standing In The Way Of Control musste das Trio schon beim letzten Album Music For Men (2009) die Richtung für die Zukunft von Gossip festlegen. Man entschied sich für ein bisschen mehr Pop und einen sicheren Hit im Stile des Lieds, das ihnen den Durchbruch gebracht hatte: Heavy Cross funktionierte dann auch vor allem in Deutschland blendend. Mehr als 100 Wochen war das Lied in deutschen Charts, Platz 2 war die Spitzenposition, mehr als halbe Million Exemplare wurden verkauft. Auch das Album lief gut: Music For Men erhielt hierzulande Doppelplatin.

Trotzdem stand jetzt, vor dem fünften Album, wieder eine Grundsatzentscheidung für Gossip an. Immerhin liegen die Wurzeln von Beth Ditto, Nathan Howdeshell (Gitarre) und Hannah Blilie (Drums) im Punk. Gossip waren lange Zeit eine Band, die aus der Gosse kommt. Sie waren roh, aggressiv, Außenseiter. Jetzt sind sie Superstars, Millionäre, ein gern gesehenes Accessoire bei Haute-Couture-Schauen.

Es ist genau dieser Kontrast, der einen großen Teil des Reizes von Gossip als Band und von Beth Ditto als Figur ausmacht. Doch die Frontfrau scheint zu wissen: Man kann nicht ewig im Jet Set leben und dabei von den harten Zeiten im Trailer Park erzählen. Man muss sich für eine Seite entscheiden. Deshalb haben Gossip ihre Wurzeln für A Joyful Noise komplett gekappt. Ihr fünftes Album bietet Pop, nichts anderes.

Daran lässt schon die Wahl des Produzenten keinen Zweifel. Beim Vorgänger Music For Men saß noch Rick Rubin an den Reglern, die Personifizierung der musikalischen Authentizität. Diesmal haben Gossip auf Brian Higgins gesetzt. Er hat etwa Platten von Kylie Minogue, Saint Etienne, Texas oder den Pet Shop Boys verantwortet und als Mitbegründer des Produzententeams Xenomania den modernen Popsound geprägt.

Ist das ein Move In The Right Direction, wie das vierte Lied des Albums (und eins von zweien, bei denen Higgins auch am Songwriting beteiligt war) heißt? Nimmt man den Track zur Grundlage, muss man sagen: wohl kaum. Move In The Right Direction ist schwungvoller Dancepop, aber ohne eine Spur Besonderheit oder gar Rebellion. Das könnte ebenso von den Sugababes stammen oder den Scissor Sisters.

Leider gilt das für weite Teile des Albums. Beth Ditto ist nach wie vor eine tolle Sängerin und eine noch bessere Ikone, daran lässt A Joyful Noise keinen Zweifel. Aber wer wissen will, wie es sich anfühlt, plötzlich auf den Titelseiten zu sein oder an der Seite von Karl Lagerfeld, der findet in den Texten keinen einzigen Einblick in ihr Seelenleben, sondern bloß Floskeln.

Und die Musik? Der Opener Melody Emergency klingt, als habe jemand Ginuwines Pony genommen und eine veraltete Software beauftragt, den Track in die Sprache „Rock“ zu übersetzen. Die Single Perfect World (ebenfalls gemeinsam mit Higgins geschrieben) hat eine schöne Melodie, könnte im Refrain aber die eine oder andere Stange Dynamit gebrauchen. Casualties Of War ist nett, Get Lost ist Massenware, Involved auch nicht mehr als solide, Horns ein halbwegs gelungener Ausflug in Richtung Miami. Am besten funktioniert bezeichnenderweise noch Get A Job, das mit Disco-Beat und prominenter Gitarre einfach bloß auf das vertraute Gossip-Rezept setzt.

Das Problem von A Joyful Noise: Gossip haben vor lauter Beweglichkeit ihren Charakter verloren. Das Album ist nicht schlecht, aber das ist auch schon alles. Es gibt nichts, was an den Killer-Faktor von Heavy Cross oder gar Standing In The Way Of Control heranreichen könnte. Und, schlimmer noch, es gibt nichts mehr, was Gossip von anderen Bands unterscheidet.

Die Lösung liegt auf der Hand: Beth Ditto sollte sich von ihrer Band trennen, und damit auch vom Rock-Anspruch, der nun einmal Erwartungen wie Glaubwürdigkeit, Schmutz und Aggressivität mit sich bringt, denen das Trio nicht mehr gerecht werden kann. Dittos EP mit Simian Mobile Disco im vergangenen Jahr hat gezeigt, welches Potenzial sie als Solistin hat, und auch ihre eigenen Vorlieben scheinen nichts mehr mit dem SoulGospelFunkRock zu tun zu haben, für den Gossip einmal standen. „Ich habe das ganze Jahr nur Abba und überhaupt kein Radio gehört“, sagt sie. Eine Neugeburt als Discoqueen wäre da nur konsequent, und zudem sehr verheißungsvoll. Und allemal besser als ein vergeblicher Spagat wie A Joyful Noise.

Siehst du, Beth: Es geht auch ohne Band (und mit Jarvis):

Gossip bei MySpace.

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