Hingehört: Graham Coxon – „Happiness In Magazines“ 3


"Happiness In Magazines" zeigt Graham Coxon endlich als Rocker mit schrägen Akkorden.

Künstler Graham Coxon
Album Happiness In Magazines
Label Transcopic Records
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

„Ich war mal bei Blur.“ Es gab Zeiten, in denen dieser Satz nicht besonders cool klang. Als Blur nur diese Kunst-Fuzzis mit Riesen-Egos waren, die Verlierer des Kriegs gegen Oasis. Nicht so 2005. Das war nicht nur das Jahr, in dem Damon Albarn mit den Gorillaz plötzlich wieder an der Spitze der Charts stand und die Kaiser Chiefs mit einem Blur-für-Arme-Sound den Franz machten.

Es war auch das Jahr von Graham Coxon. Mit Happiness In Magazines wurde er zum Indie-Übervater, zum Paul Weller seiner Generation. Er gab sich gewohnt mysteriös, war wochenlang nicht zu sehen, tauchte dann bei den angesagtesten Terminen auf, spielte spontane Konzerte und ließ sich von Libertines & Co. als König von Camden feiern. So etwas nennt man wohl: eine Wiedergeburt.

Dabei macht er eigentlich nichts anderes, als er bei Blur auch gemacht hat. Nur verschleierte die Band damals noch die Rollenverteilung: Wer ist eigentlich der Punk bei Blur, und wer ist der seltsame Typ, der auf Kirmesorgeln steht? Wer ist der Rocker mit den schrägen Akkorden und wer ist derjenige, der William Orbit für notwendig hielt? Mit diesem Solowerk macht El Coxo nun klar, dass er auf der richtigen Seite dieser Abwägung steht. Er gibt sich der Lust an der Melodie hin, dem simplen Song, vor allem aber: der spleenigen Gitarre.

Wie famos Coxon das Instrument beherrscht, sieht man am besten auf der Bühne, wo er sich immer noch ein wenig linkisch gibt, die Brille zurechtrückt und sich gefährlich windet. Man erkennt es aber auch auf dieser Platte, denn die Produktion des alten Weggefährten Stephen Street fährt glücklicherweise nichts auf, was den Blick verstellen könnte.

Und so ist dies wie eine Sammlung der besten Coxon-Momente von Blur, also immer die euphorischsten und brüchigsten, wie Coffee & TV, auch You’re So Great und sogar Battery In Your Leg. Nur noch einen Tick besser, befreiter, selbstsicherer.

Der Opener Spectacular wird gleich vollkommen dem Moment gerecht, in dem einen einfach der Schlag trifft vor lauter Begeisterung. In No Good Time macht er noch einmal perfekt den Außenseiter mit Pullunder und Kassengestell, der gar nicht dazugehören will zur Glitzerwelt, und genau weiß, dass dies die weitaus glamourösere Attitüde ist. Girl Done Gone könnte man modernen Blues nennen, wenn das nicht so schrecklich nach Jonny Lang klingen würde. Don’t Be A Stranger ist mit Marimba und lustigen Schlagzeug-Breaks grandios verspielt.

Das unwiderstehliche Bittersweet Bundle Of Misery dürfte eine der bezauberndsten Liebeserklärungen aller Zeiten sein, auch im zuckersüßen All Over Me kommt der Romatiker im Nerd durch. Der Rabauke darf sich dann im famosen Freakin‘ Out und dem herrlich trotzigen Rundumschlag People Of The Earth austoben. Der verbitterte Zyniker findet in Are You Ready? sein Zuhause, samt gespenstischer Western-Atmosphäre mit Orgel und Streichern, und schaut auch in Bottom Bunk mal kurz vorbei: „You’re very pretty and your tanned / but I’d rather sleep with my right hand.“

Unfassbar ist der Schlusspunkt Ribbons And Leaves: eine herzzereißende Kombination aus Kinderlied-Melodie und Möderballaden-Atmosphäre, am Ende das hingehauchte Bangen: „Life, I love you.“ Spätestens danach kann kein Zweifel mehr daran bestehen: Graham Coxon war mal bei Blur. Und er war nicht der Kopf dieser Band, sondern der Bauch. Und das Herz.

So energisch können Brillenträger sein: Der Clip zum famosen Freakin‘ Out:

Graham Coxon bei MySpace.


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